Berlin/Bonn

Kommentar um "5 vor 12": Keine kirchenpolitischen Experimente

Bei der Weihnachtsgottesdienst-Regelung kommt den Bistümern eine besondere Bedeutung zu. Sie sollten nicht der Versuchung erliegen, dies als liturgische und pastorale Spielwiese zu nutzen.
Weihnachten trotz Corona
Foto: Imago Images | Für die Weinachtstage und Silvester werden die strengen Corona-Maßnahmen temporär gelockert.

Religiöse Zusammenkünfte mit Großveranstaltungscharakter seien zu vermeiden, heißt es in dem neuen Corona-Maßnahmenkatalog von Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten. Was ist aber eine Großveranstaltung, und was bedeutet das für die Weihnachtsgottesdienste? Ist eine Christmette mit zwanzig Gläubigen schon ein Großevent, oder erst mit fünfzig? Die genauen Bestimmungen sollen nun die Bundesländer im Zusammenspiel mit den Kirchen vor Ort regeln. Das ist staatlicherseits eine gute Entscheidung. Sie entspricht nämlich unserer föderalen Ordnung und zeigt Respekt vor der Religionsfreiheit, indem den Religionsgemeinschaften nicht einfach ein Konzept verordnet wird. 

Wie nutzen die Bistümer ihr Mitspracherecht?

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Eine andere Frage ist aber, wie die Bistümer nun ihr Mitsprachrecht nutzen. Aus der Zeit des Frühjahrs-Lockdowns kennen wir zwei Phänomene: Da gab es einmal den vorauseilenden Gehorsam. Obwohl vom Staat gar nicht verlangt, setzten mancherorts die Kirchen sehr rigide Teilnahmebeschränkungen um. Das führte einerseits zu dem durchaus erfreulichen Ergebnis, dass nach heutigem Wissensstand katholische Messen nicht zu Infektionsherden geworden sind. Ein anderer Effekt: Nicht wenige Gläubige standen vor verschlossenen Kirchentüren - „Höchstteilnehmerzahl erreicht, Sie müssen draußen bleiben“.
 
Ein zweites Phänomen: Es wurden neue liturgische Formen ausprobiert. So fanden sich an einigen Orten sogar Gläubige mit Brot und Wein vor Bildschirmen zusammen, um eine Art „Do-it-yourself-Kommunion“ zu feiern. In einigen Bistümern wurde als Alternative zu den Christmetten über ökumenische Freiluftveranstaltungen nachgedacht. Die Pandemie mag der Anlass für solche Vorschläge sein, die Ursachen liegen tiefer. Mancher scheint die Krise nutzen zu wollen, um lang gehegte liturgische und pastorale Träume in die Realität umsetzen zu können. Die Krise ist aber keine Zeit für kirchenpolitische Experimente. Die Krise ist die Stunde der Seelsorge. 

Das Vertraute in der Kirche finden

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hat heute in einem „Zwischenruf“ in seiner Eigenschaft als Sozialbischof über die Folgen der Pandemie reflektiert: Die Kirche selbst spüre „den Wandel und die Verletzlichkeit gewachsener Strukturen“ und müsse daher „eine lernende und zuhörende Kirche sein, die das Suchen nach den Spuren Gottes in dieser Zeit und Wirklichkeit in neuer Weise begleitet“. Sehr richtig. In der Tat erleben die Menschen, wie Strukturen zerbrechen und dies bereitet ihnen Sorgen, wenn nicht sogar Angst. Wir leben in einer emotional aufgeladenen Zeit, dies gilt nicht nur für die Gesellschaft, sondern gerade auch für die deutsche Kirche – dem Synodalen Weg sei Dank. Gerade deswegen ist jetzt keine Zeit für Experimente. Gerade auch die Kirchenfernen, die nur zu Weihnachten die Kirchenschwelle übertreten, suchen jetzt nach dem Vertrauten. Es wäre gut, wenn sie das Vertraute in der Heiligen Nacht in der Kirche finden könnten. 

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