Speyer/Berlin

Kommentar um "5 vor 12": Glocken müssen nicht schweigen

In deutschen Bistümern müssen nicht die Glocken läuten, wenn der Marsch für das Leben durch Berlin zieht. Der Traum der Lebensrechtler von einem Europa, das das Leben jedes Menschen von der Zeugung bis zum natürlichen Tod schützt , ist ein säkularer.

Demonstrationen gegen das Recht auf Abtreibung
Berlin: Teilnehmer am "Marsch für das Leben" gehen am Hauptbahnhof vorbei. Zu der Demonstration gegen Abtreibung "Marsch für das Leben" hatte der Bundesverband Lebensrecht aufgerufen. Foto: Paul Zinken (dpa)

Müssen in deutschen Bistümern die Glocken läuten, wenn der „Marsch für das Leben“ durch Berlin zieht. Nein, müssen sie nicht. Der Traum der Lebensrechtler von einem Europa, das das Leben jedes Menschen von der Zeugung bis zum natürlichen Tod schützt und sich deshalb zur abtreibungs- und euthanasiefreien Zone erklärt, ist ein säkularer. Einer, der von Atheisten und Agnostikern genauso geträumt werden kann, wie von Theisten. Dass an ihm heute überwiegend Christen festhalten, ändert daran nichts.

Der Marsch ist keine Prozession

Der „Marsch“ ist trotz der von einigen mitgeführten Kreuze denn auch keine Prozession, sondern eine Demonstration, bei der Bürger von den Regierenden die Würde des Menschen achtende Gesetze einfordern. Wo Bürger dies tun, tun sie es in eigener Verantwortung und qua eigenem Recht und bedürfen folglich weder des Segens der Kirchen noch der Unterstützung durch sie.

Müssen die Glocken also schweigen? Nein, das müssen sie nicht. Die Kirchen dürfen Initiativen ihre Sympathie bekunden und sie auch zeichenhaft dort unterstützen, wo diese sich mit ihren eigenen Lehren decken. Dies ist, wo Bürger für den uneingeschränkten Schutz menschlichen Lebens durch den Staat eintreten, bei der katholischen Kirche zweifelsfrei der Fall. Bei den protestantischen ist die Lage – naturgemäß – unübersichtlicher.

Als Hirten verpflichtet, verlorenen Schafen nachzugehen

Eine Sache, die man für unterstützenswert hält, nicht zu unterstützen, weil sie vereinzelt auch von Menschen unterstützt wird, die daneben auch Ansichten vertreten, die von Katholiken abzulehnen sind, ist jedoch ein schwaches Argument. Zumal für Bischöfe, die als Hirten in der Nachfolge Christi verpflichtet sind, auch und gerade den verlorenen Schafen nachzugehen. Wer immer dazu rät, irrt. Wäre es anders, müsste den einfachen Gläubigen auch geraten werden können, aus der Kirche auszutreten, weil dort Priester Kinder sexuell missbraucht haben und Täter vereinzelt gedeckt wurden. Klingelt es?

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