Kommentar: Türkische Wirklichkeiten

Von Stephan Baier
Stephan Baier.
Foto: DT | Stephan Baier.

Die Türkei ist bunter, pluraler, kritischer als ihre Kritiker meinen – erst recht, als Präsident Erdogan sie gerne hätte. Das hat das Referendum am Sonntag bewiesen: Wenn Erdogan trotz eines neun Monate währenden Ausnahmezustands, trotz der Verhaftung von zehntausenden Beamten und Oppositionellen, trotz einer an Diktaturen erinnernden Dominanz in den Medien, trotz aller Einschüchterungen, Entlassungen und Polarisierungen, trotz mancher Unregelmäßigkeiten und Manipulationen im eigenen Land nur 51,4 Prozent der Wähler für ein Ja gewinnen kann, dann schmeckt dieser Sieg nach Niederlage. Wenn ungeachtet aller Repressionen 48,6 Prozent gegen Erdogans Verfassungsänderung stimmten, dann heißt das: Eine freie und faire Abstimmung hätte der Präsident wohl verloren. Das ist demütigend für Erdogan, denn es war der Wille der Mehrheit, der dem einstigen Underdog den Weg nach oben bahnte – und der seine AKP gegen das kemalistische Establishment und die einst allmächtigen Generäle schützte. Jetzt ist die AKP selbst das Establishment, und weite Teile des Volkes wollen Erdogan die Allmacht verwehren.

In einem auffälligen Kontrast zum fragwürdig knappen Sieg zuhause steht Erdogans Erfolg bei den Auslandstürken. Dort, wo der Autokrat weder mit Repressionen noch mit Privilegierungen eingreifen konnte, wo er weder verhaften noch entlassen kann, fuhr er die weit größere Ernte ein: In Belgien stimmten 75 Prozent der türkischen Staatsbürger für seine Verfassungsreform, in Österreich 73, in den Niederlanden 71, in Frankreich 65 und in Deutschland 63 Prozent. Man kann sich diese Resultate schönreden, indem man alle Auslandstürken, die sich an der Wahl nicht beteiligten, für vollintegriert und an türkischen Agenden desinteressiert erklärt. Die Begeisterung eines Großteils der türkischen Community für den aktuellen AKP-Kurs bleibt unübersehbar. Wenn die Ablehnung des demokratischen Rechtsstaates und die Zustimmung zu mehr Autokratie bei den Türken in Europa größer ist als in der Heimat, dann ist bei der Integration etwas ganz grundlegend schiefgelaufen.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier