Jerewan/Baku

Kommentar: Stellvertreterkrieg im Kaukasus

Die lange verfeindeten Nachbarn Armenien und Aserbaidschan kämpfen – vordergründig betrachtet – um Berg Karabach. Die Region, in der Orient und Okzident aufeinanderprallen, ist im Fadenkreuz der Regionalmächte.

Berg-Karabach: Eine alte Frau sitzt mit einem Gewehr im Eingang ihres Hauses
Eine alte Frau sitzt mit einem Gewehr im Eingang ihres Hauses, während die aserbaidschanische Armee die Stadt Stepanakert unter Beschuss nimmt. Die alte Frau ist entschlossen, ihr Haus bis zum letzten Augenblick zu verteidigen. Foto: Celestino Arce Lavin (ZUMA Wire)

Wieder einmal tobt ein Krieg vor der Haustür Europas. Die lange verfeindeten Nachbarn Armenien und Aserbaidschan kämpfen – vordergründig betrachtet – um Berg Karabach. Jerewan und Baku haben jeweils ihre Argumente, denn das mit 147.000 Einwohnern dünn besiedelte Gebiet gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan, ist aber armenisch besiedelt. Eine der vielen Erblasten der Sowjetunion, die wusste, wie man Keile zwischen Völker treibt und Zwistigkeiten sät. Seit dem Zerfall dieses Reichs des Bösen ist das Gebiet umstritten und umkämpft. Ein Zankapfel, der jede Nachbarschaft vergiftet.

Stolz auf die tiefe christliche Tradition

Beide Staaten sind nach Jahrzehnten der Sowjetdiktatur reichlich säkular, doch ist Armenien stolz auf seine tiefe christliche Tradition und sein apostolisches Erbe; in Aserbaidschan hält die eiserne Faust der Diktatur die schiitische Mehrheit unter Kontrolle. Orient und Okzident, das zarte Pflänzchen der Demokratie und die harte Hand der Despotie: im Südkaukasus prallen sie aufeinander – wie vor drei Jahrzehnten auf dem Balkan.

Dramatischer noch: Die Region ist im Fadenkreuz der Regionalmächte, denn die Türkei sieht Aserbaidschan als Bruderstaat und misstraut Armenien; Russland jedoch liefert Waffen an beide Seiten, versteht sich jedoch als Pate und Vormund Armeniens. Erdogan und Putin, die starken Männer in Ankara und Moskau, konkurrieren bereits blutig in Libyen und Syrien – und jetzt auch im Kaukasus. Beide halten wenig von der Souveränität von Kleinstaaten in ihrer Nachbarschaft. Beide streben nach Einflusszonen auf dem Balkan, im Kaukasus und im Mittelmeer.

Ist Europa von Corona hypnotisiert?

Und Europa? Ist die Europäische Union so sehr von der Corona-Pandemie hypnotisiert, dass sie dem Kampf um die Zukunft des Kaukasus tatenlos zusieht? Wo ist nur die europäische Ambition geblieben, die Grenze der Freiheit, der Rechtsstaatlichkeit und der Demokratie möglichst weit nach Osten zu verschieben?