Kommentar: Riad spielt mit dem Feuer

Von Stephan Baier

Der Nahe Osten ist ein „Pulverfass“, in das immer mehr Akteure Pulver nachschütten, während sie gleichzeitig mit offenem Feuer hantieren. Nun zeichnet sich auch noch ein neuer Rüstungswettlauf zwischen den konkurrierenden Regionalmächten Iran und Saudi-Arabien ab. Der frühere saudische Geheimdienstchef Turki al-Faisal, zugleich Prinz und Botschafter seines Landes, meinte, wenn der Iran eine eigene Atombombe baue, wäre Riad zu einer Politik gezwungen, die „zu unbeschreiblichen und vielleicht dramatischen Konsequenzen führen“ könnte. Ein Vertrauter des Prinzen übersetzte das für den britischen „Guardian“ so: „Wenn der Iran Atomwaffen entwickelt, müssen wir dem folgen.“ Im Klartext: Die sunnitische und arabische Theokratie Saudi-Arabien ist bereit zu einem Rüstungswettlauf mit der schiitischen und persischen Theokratie Iran. Eine überaus bedrohliche Perspektive – nicht nur für die bisher einzige Atommacht in Nahost, den Staat Israel, sondern für den Frieden im Orient, ja in der Welt.

Schon bisher spielen Teheran und Riad eine äußerst problematische Rolle in ihrer Innen- wie in der Außenpolitik: Die republikanische Diktatur Iran wie die Königsdiktatur Saudi-Arabien sehen sich als religiöse Staaten mit religiöser Sendung, mit totalitären Tendenzen im Inneren und einem brandgefährlichen Missionseifer nach außen. Beide Systeme sind schon jetzt Exporteure von Gewaltbereitschaft, Terror und Unfrieden. Beide Staaten treten im Namen der Religion die Menschenrechte – insbesondere die Religionsfreiheit – mit Füßen. Im Fall Saudi-Arabiens drückt der Westen um des billigen Erdöls willen großzügig die Augen zu; im Fall des Iran hat er dazu seit der Revolution des Ayatollah Khomeini keinen Grund mehr. Gleichzeitig sind diese beiden Regionalmächte aus ethnischen wie aus religiösen Gründen die schärfsten Konkurrenten in der Region. Wenn Riad und Teheran in einen atomaren Rüstungswettlauf eintreten, dann genügt – bildlich gesprochen – irgendwann ein achtlos weggeworfenes Zündholz, damit das Pulverfass Nahost in die Luft fliegt.

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