Kommentar: Reform als Modell

Von Regina Einig

Ein spannungsreiches Kapitel nachkonziliarer Liturgiegeschichte ist am Wochenende für Millionen Katholiken friedlich und unspektakulär ausgeklungen. Für alle englischsprachigen Gläubigen ist seit dem ersten Adventssonntag die Neuübersetzung des Missale romanum verbindlich. Damit hat die größte katholische Sprachgruppe die wohl einschneidendste Zäsur seit der Liturgiereform vollzogen. Wenn die alten Messbücher auf den kirchlichen Friedhöfen oder in Grüften katholischer Gotteshäuser ruhen, dürften sich die Geister noch an den neuen Texten scheiden. Geschadet ist damit niemandem. Denn wie in liturgischen Debatten nicht anders zu erwarten, ziehen sich die Gräben quer durch Ortskirchen. Elf Bischofskonferenzen waren in die Beratungen eingebunden. Nach einer dreimonatigen Anlaufphase in den Pfarreien der Vereinigten Staaten ist aus den Reihen der Bischöfe, Priester und Laien Murren und Zustimmung zu hören. Ideologischen und kirchenpolitischen Einwänden steht die Aufgeschlossenheit unbefangener Gottsucher gegenüber. Dichter am lateinischen Ausgangstext zu bleiben und den Mehltau der banalen Umgangssprache abzustreifen war das erklärte Ziel der Übersetzer.

Denn die Sprache ist eines der stärksten Instrumente in der Verkündigung. Und in einem säkularisierten Zeitalter hängt die öffentliche Wahrnehmung des Evangeliums wesentlich von der Wortwahl der Christen ab. Soll das liturgische Gebet von Priester und Gemeinde nicht als Sonderform gesellschaftlicher Konversation missverstanden werden, darf sich die Kirche getrost vom Diktat der Verständlichkeitsansprüche lösen. Auch in der Muttersprache können Sprachhürden sinnvoll sein, wenn Messbesucher bereit sind, im Geiste davor zu verweilen und an ihnen zu wachsen, dürfen Formulierungen den Beter vor der Selbsttäuschung bewahren, er könne die Aussage des liturgischen Textes je umfassend ausloten. Nicht nur wegen der wörtlichen Übersetzung von „pro multis“ hat das englischsprachige Missale Modellcharakter für die katholische Kirche in Deutschland.

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