Kommentar: Mehr Gespür wäre schon was

Von Markus Reder

Mit zwei Meldungen macht Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in diesen Tagen von sich reden. Beide Male geht es dabei ums Geld, genauer: um Gehälter. Einmal forderte er deutlich weniger. Ein andermal ordentlich mehr. Im ersten Fall kritisierte Lammert die Auswüchse bei Managergehältern. Im zweiten favorisiert der Bundestagspräsident höhere Abgeordnetendiäten.

Nun hat das eine in der Sache nicht unmittelbar mit dem anderen zu tun. So ehrlich muss man schon sein. Dennoch wird man sich fragen müssen, wie derartige Doppelbotschaften eigentlich beim kleinen Mann ankommen, der sich krummlegen muss, um gemeinsam mit dem Verdienst seiner Frau eine Familie mit drei Kinder einigermaßen über die Runden zu bringen. Und bei diesem Beispiel haben wir noch nicht einmal von den tatsächlichen sozialen Härtefällen gesprochen, die immer mehr werden.

Nimmt man die Otto-Normal-Perspektive zum Maßstab und rechnet die dröhnende Gürtel-enger-schnallen-Rhetorik der Euro-Retter dazu, muss man Lammert und allen, die meinen, jetzt seien aber dringend weitere Diätenerhöhungen dran, mindestens fehlendes Fingerspitzengefühl attestieren. Es stimmt ja, Managergehälter sind teilweise völlig pervers. Doch es gilt auch: Wem es wirklich um die soziale Balance in diesem Land geht, um die Lammert sich sorgt, der darf nicht nur auf böse Manager schimpfen, die sich auf unverantwortliche Weise die Taschen voll machen. Der muss auch vor der eigenen Tür schauen, inwieweit sich die persönlichen Forderungen mit der sozialen Realität im Land decken. Soziale Balance beginnt mit dem politischen Fingerspitzengefühl. Diesbezüglich würde tatsächlich schon der Blick über den Tellerrand von Berlin Mitte genügen, um den sozialen Horizont mancher Parlamentarier zu weiten.

Wie sagen böse Zungen doch gleich? Für die Politiker, die wir haben, sind die Diäten zu hoch. Für die, die wir bräuchten, sind sie zu niedrig. Klingt zwar absurd, da könnte aber was dran sein.

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