Kommentar: Maulkorb statt Argument

Der Ton ist rauer geworden. Das gilt nicht nur für die Sozialen Netzwerke, es gilt für die öffentliche Debatte insgesamt. Es fällt den Protagonisten schwer sachlich zu argumentieren und nicht in Polemik abzugleiten – dabei ist übrigens egal, ob sie sich eher rechts oder links verorten. Wissenschaftler sollten Vorbilder sein, dass es anders geht. Sollten!

Die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik hat die traditionsreiche Zeitschrift „Neue Ordnung“, vor allem aber deren Schriftleiter, Professor Wolfgang Ockenfels, mit einem Bannstrahl belegt. Die Zeitung sei „in rechtes Fahrwasser“ geraten, der Dominikanerpater vertrete vermeintlich rechtspopulistische Positionen. Damit sei die Zeitschrift im wissenschaftlichen Diskurs nicht mehr ernst zu nehmen. Im übrigen sollten Fachkollegen und Bibliotheken künftig die Zeitung ignorieren. Eine sachliche Auseinandersetzung sieht anders aus. Niemand muss die Positionen von Pater Ockenfels teilen. Er hat aber so wie jeder andere auch verdient, dass man sich mit seinen Argumenten auseinandersetzt. Eine solche Auseinandersetzung quasi per Dekret zu untersagen und dies noch mit einem Bekenntnis zur Pluralität des Faches zu verbinden, ist nicht nur unwissenschaftlich, es zeugt auch von einem geringen Reflektionsgrad der Handelnden. Was allerdings stark ausgeprägt ist, ist deren Machtbewusstsein: Die Arbeitsgemeinschaft repräsentiert die große Mehrheit ihres Faches. Sie könnte also mit großer Gelassenheit zur Kenntnis nehmen, dass es eben auch katholische Sozialethiker gibt, die andere Positionen vertreten. Das wäre echte Toleranz. Stattdessen setzt man auf öffentliche Ächtung.

Trotzdem: Pater Ockenfels kann sich eigentlich freuen. Die Aktivitäten seiner „Kollegen“ zeigen , dass sie ihn offenbar lesen, obwohl sie sich ärgern. Ein starker Beleg für die Relevanz der Zeitung und deren publizistischer Linie.

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