Kommentar: Leitkulturelles Wetterleuchten. Von Oliver Maksan

Wieder eine Leitkultur-Debatte. Und wieder Christian Lindner, der Generalsekretär der FDP. In einem Integrationspapier, das er jetzt zusammen mit weiteren FDP-Abgeordneten verfasst hat, fordert er die Abkehr vom christlich-jüdischen Leitbild hin zu einem republikanischen. Alles andere grenze Einwanderer aus. Damit trägt Lindner Eulen nach Athen, denn niemand macht einen Taufschein zur Bedingung für Staatsbürgerschaft. Außerdem verwechselt er die Ebenen, denn Leitkultur und Grundgesetz stehen nicht auf Augenhöhe. Dennoch dürfte Lindner prognostisch doch Recht bekommen.

Leitkultur und Grundgesetz verhalten sich zueinander wie Ursache und Wirkung: Das eine meint die praktische, konkrete Motivation, sich zum abstrakten anderen zu bekennen und es mit Leben zu füllen. Keine Frage: Man muss kein Christ sein, um ein guter Bundesbürger sein zu können. Und ja: Es war historisch gesehen durchaus nicht so, dass das kirchliche Christentum am Rand des Weges zum freiheitlichen Verfassungsstaat gestanden und stets enthusiastisch applaudiert hätte. Dennoch ist das Christentum die Sinnressource schlechthin, ohne die es das Grundgesetz nicht gegeben hätte – ohne die aber vor allem das geistig-moralische Band risse, das die Mehrheit der Bürger an das Grundgesetz bindet – wenn auch zunehmend weniger.

Es wird aber wohl so kommen, dass eine rein nach ökonomischen Maßstäben gesteuerte Einwanderung in das vergreisende Deutschland eine Schwächung des Christentums als zivilreligöses Ferment in der Bundesrepublik bedeuten wird. Christlich-ökumenische Gottesdienste zur Parlamentseröffnung oder Eröffnung von Autobahnabschnitten etwa werden in nicht sehr ferner Zukunft interreligiöse sein. Das wäre noch zu verkraften.

Unersetzbar ist das Christentum aber da, wo es darum geht, den Leitbegriff des Grundgesetzes – die Menschenwürde – nicht zur Worthülse verkommen zu lassen. Millionen abgetriebener Kinder bezeugen auf ihre Weise, dass Republikanismus allein sie nicht gerettet hat.

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