Kommentar: Illusionen leben länger

Von Stephan Baier
Stephan Baier.
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Vor einem Vierteljahrhundert endete die Epoche des Kalten Krieges und der Ost-West-Konfrontation. Die Auflösung der militärischen Strukturen des Warschauer Paktes am 31. März 1991 markierte eine Zeitenwende: Die Herrschaft Moskaus über die Hälfte Europas, ein Erbe Stalins, war Vergangenheit. Auch eine große Lüge schien damit ins Grab zu sinken, nämlich die in linken Kreisen im Westen gerne geglaubte Sowjet-Propaganda, mit NATO und Warschauer Pakt stünden sich zwei grundsätzlich gleichberechtigte Interessens-Blöcke gegenüber. Tatsächlich aber war die NATO eine Verteidigungsallianz demokratischer Staaten zur Sicherung ihrer Freiheit, während der Warschauer Pakt ein von der Sowjetunion konstruiertes Korsett zur Unterdrückung von Nachbarstaaten und zur Versklavung ihrer Völker war. Spätestens ab der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes 1956 konnten nur noch hartgesottene Ideologen am totalitären Charakter des kommunistischen Ostblocks zweifeln.

Vor 25 Jahren jedoch stürzten sich viele im Westen von einer Illusion in die nächste: Intellektuelle und Politiker träumten von universaler Demokratisierung, vom „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama), von einer Epoche des Friedens. Stattdessen erleben wir die Globalisierung von Terror, Krisen und Kriegswirkungen, zu denen die längst beendete kurze Ära des US-amerikanischen Unilateralismus viel beigetragen hat. Die Welt ist seit 1991 nicht ungefährlicher geworden, weil regionale Kriege und Konflikte globale Folgewirkungen haben. Zu den auf Krieg setzenden Potentaten kommt heute eine „Privatisierung“ der Gewalt durch Terrornetzwerke, die Staaten und Grenzen ignorieren können. Doch die westlichen Illusionen sterben nie, sondern wandeln sich nur: Im Westen sehen heute nicht nur Linke im einstigen KGB-Offizier und offenkundigen Sowjet-Nostalgiker Wladimir Putin einen Partner im Kampf gegen Terror und Chaos. Der aber hat längst das Erbe des Warschauer Paktes angetreten und versucht mit Krieg und Gewalt – in Tschetschenien, Georgien und der Ukraine – an die alte Vorherrschaft Moskaus anzuknüpfen.

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