Kommentar: Gelebte Entweltlichung

Von Stephan Baier
Foto: DT | Stephan Baier.
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Das Wort „resignieren“ hat eine Doppelbedeutung: entmutigt aufgeben und zurücktreten. Papst Benedikt XVI. hat nicht resigniert, nicht kapituliert vor der Größe der päpstlichen Aufgaben oder des kurialen Chaos, wie nun viele spekulieren, die eine profane Sicht seines Rücktritts propagieren, weil sie eine profane Sicht der Kirche bevorzugen. Auch wenn da offenbar einiger Leidensdruck war: Benedikt XVI. verzichtet auf sein Amt mit der Souveränität eines „Servus Servorum Dei“, der genau weiß, dass Christus der souveräne Herr der Kirche ist und bleibt. Beim Angelus am Sonntag erklärte er noch einmal, dass er sich von Gott gerufen fühlt, „auf den Berg zu steigen und sich noch mehr dem Gebet und der Meditation“ zu widmen, dass dies aber nicht bedeute, „sich von der Kirche zurückzuziehen, im Gegenteil“. Wer nicht an die in der Geschichte wirkende Wirklichkeit Gottes glaubt, kann auch nicht an die Kraft des Gebetes glauben – und dann erscheinen die Worte des Papstes als fromme Fassade eines globalen Konzerns namens Kirche. Und sein Rückzug ins Gebet erscheint als Resignation eines Gescheiterten.

Erst im Licht des Glaubens wird der Schritt des Papstes als kraftvolle Zeichenhandlung erkennbar, mit der Benedikt XVI. seinen Worten nochmals Gewicht verleiht. Er lebt tatsächlich, was er stets predigte: das unbedingte Vertrauen auf Christus als Herrn der Kirche, den unbedingten Glauben an den wirkmächtigen Gott! Der Papst tritt nicht in den Ruhestand, sondern widmet den letzten Abschnitt seines theologisch, literarisch und priesterlich so fruchtbaren Lebens ganz dem Gebet. Ohne die Kraft des Gebetes wäre nicht nur er gescheitert, sondern würde auch jeder mögliche Nachfolger scheitern. Ohne den Dienst des Gebetes würde die Kirche letztlich zu nichts dienen. Das Gebet entzieht die Christen der Schwerkraft der Verweltlichung und bringt Gott ins Spiel. Darum sind die kontemplativen Orden, die Kardinalstaatssekretär Bertone nun einlud, das Konklave betend zu begleiten, keine Sammlung fauler Weltflüchtiger, sondern Hüter dieser Brücke zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen Welt und Gott.

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