Kommentar: Ethik ist kein Wunschkonzert

Von Stefan Rehder

Mit dem christlichen Menschenbild ist es wie mit dem Schwangersein. Eine Frau ist schwanger oder nicht. Ein „bisschen schwanger sein“ gibt es nicht. Genauso verhält es sich mit der Vereinbarkeit der Präimplantationsdiagnostik (PID) mit dem christlichen Menschenbild. Entweder ist der Gentest in der Petrischale zum Zweck der Selektion embryonaler Menschen mit dem christlichen Menschenbild vereinbar oder er ist es nicht. Ist er es, dann ist – weil das christliche Bild vom Menschen auch das des Grundgesetzes ist – jede rechtliche Begrenzung überflüssig. Ist sie es nicht, gibt es keinen Zweck, der dieses Mittel heiligt. Ob zur Vermeidung von Abtreibungen, die gleichfalls mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar sind und die der Gesetzgeber, auch wenn er sie strafrechtlich nicht verfolgt, als „rechtswidrig“ ausweist, oder zu anderen Zwecken, spielt keine Rolle.

Keine Rolle spielen auch die Wünsche der Eltern nach einem gesunden Kind. Wünsche verpflichten, so verständlich sie sein mögen und so selbstverständlich und sogar lobenswert sie in diesem speziellen Fall sind, niemanden zu nichts. Anders das christliche Menschenbild und das Grundgesetz. Dass in Gestalt von Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt jetzt eine Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, die zugleich Präses der Synode der EKD ist, in einem Beitrag für die gestrige Ausgabe der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ darauf hinweist, dass es „ein bisschen christliches Menschenbild“ nicht gebe, während katholische CDU-Politiker wie Bundestagspräsident Norbert Lammert zu den Unterzeichnern eines weiteren Gesetzentwurfes zählt, die eine begrenzte Zulassung der PID befürworten, zeigt: Die von manchem gepflegten Freund- und Feindbilder sind – zumindest in bioethischen Fragen – völlig anachronistisch. Wer Kategorien benötigt, um „Gutes“ vom bestenfalls „gut Gemeinten“ unterscheiden zu können, sollte daher trennen zwischen jenen, deren Ethik auch zu unpopulären Maßnahmen verpflichtet und jenen, die Ethik für ein bloßes Wunschkonzert halten.

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