Kommentar: Es gibt kein Kollektivgewissen

Von Stefan Rehder

Die Gründe, die gegen eine wie auch immer begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) sprechen, sind nicht bloß Legion, sie sind auch erdrückend. Das wird auch die morgen stattfindende Öffentliche Expertenanhörung vor dem Gesundheitsausschuss des Bundestags aller Voraussicht nach noch einmal unter Beweis stellen. Und das unabhängig davon, ob man – der Unterscheidung Max Weber folgend – nun eher „Gesinnungsethiker“ oder aber eher „Verantwortungsethiker“ ist. Denn ganz gleich, ob man bei der ethischen Beurteilung der PID das Augenmerk eher auf den „Eigenwert des ethischen Handelns“ legt, oder aber – wie Politiker dies laut Weber stattdessen meist tun – eher an ihren Ergebnissen und deren Verantwortbarkeit misst, das Resultat bleibt das Gleiche: Die PID ist durch nichts zu rechtfertigen. Der Verantwortungsethiker mag für diese Einsicht etwas länger brauchen, als der Gesinnungsethiker, für den sich die Selektion menschlicher Embryonen von vornherein verbietet, doch wird er am Ende zum selben Ergebnis kommen müssen.

Denn die PID vermag weder gesunde Kinder zu garantieren, noch führt sie dort, wo sie erlaubt ist, zu einer Reduzierung von Spätabtreibungen. So weisen etwa die Delegierten der Aktion Lebensrecht für Alle, die am Wochenende zu ihrer Jahresversammlung zusammenkamen, in einer Resolution darauf hin, dass in Frankreich, das von Befürwortern der PID im Bundestag oft als leuchtendes Beispiel für eine gelungene Regulierung angeführt wird, die Zahl der Pränatalen Diagnostiken ebenso wie die Zahl der Spätabtreibungen auch nach der Zulassung der PID gestiegen sind. Im Grund wissen selbst die Befürworter längst, dass kein Mensch die Durchführung einer PID verantworten kann. Deshalb delegieren sie in ihren Gesetzentwürfen auch die Verantwortung dafür jeweils an eine Ethikkommission. Was bei normalen Lasten funktioniert, nämlich die Zahl der Schultern zu erhöhen, die sie stemmen, muss bei moralischen jedoch scheitern. Denn ein kollektives Gewissen gibt es ebenso wenig wie kollektive Schuld.

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