Kommentar: Es beben Erde und Politik

Von Guido Horst
Guido Horst
Foto: DT | Guido Horst.

Es sind Tage, die an den Nerven Italiens zehren: Seitdem vor einer knappe Woche eine – wohl durch das jüngste Erdbeben ausgelöste – Schneelawine mit der Wucht von vierzigtausend (!) Lkw's auf das Hotel „Rigopiano“ am Rande des unterhalb des Gran Sasso gelegenen Örtchens Farindola krachte, das Gebäude zehn Meter verschob und etwa 35 Personen unter sich begrub, spielt sich in dem Land ein Drama ab. Einige wenige Verschüttete wurden lebend geborgen, einige tot, aber für immer noch 23 Menschen unter Trümmern und Schneemassen sinkt die Hoffnung, das Unglück zu überleben. Seit dem 24. August vergangenen Jahres lebt Italien in Katastrophenstimmung. Immer wieder neue Beben, das hat es in diesem Ausmaß bisher nicht so gegeben. Die beiden Erdplatten, die unter dem Apennin aufeinanderstoßen, wollen einfach keine Ruhe geben. Die Kältewelle und der meterhohe Schnee machen die Last für die vom Beben Betroffenen umso härter. Zigtausende von Haushalten sind ohne Strom und Wasser, Schneefräsen müssen mühsam Straßen freilegen. Zwar sind die Temperaturen wieder gestiegen. Aber für die bis zu zehn Meter hohe Schneeschicht über dem Hotel „Rigopiano“ heißt das, dass sie nachts zu Eis gefriert und für die Vermissten zur Grabplatte wird.

Das Szenario hat sich geändert: Nicht mehr ein Erdbeben wie 2009 in L'Aquila, sondern eine nicht abreißende Kette von Beben in der langgestreckten Bergregion von den Marken bis in die Abruzzen. Nun werden dort alle Schulen und Firmengebäude untersucht, ob sie weiteren Erderschütterungen standhalten werden. Die Dämme der vielen Stauseen sind zu überprüfen. Die Karte der Orte, die in langen Jahren wieder aufzubauen sind, weitet sich aus. Das alles kostet Geld, viele Milliarden – und das in einem Land, in dem sich der wirtschaftliche Aufschwung einfach nicht einstellen will. Also steigt der Druck auf die Brüsseler Spar- und Stabilitätspolitik. Wie auf die eigene Regierung, die kostenintensive Programme für Flüchtlinge und Asylanten finanziert. Aus dem Erdbeben könnte auch ein politisches werden.

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