Kommentar: Einer, der fehlen wird

Von Stefan Rehder
Stefan Rehder
Foto: DT | Stefan Rehder.

Es war eine denkwürdige Rede, mit der sich Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in der letzten Sitzung des Deutschen Bundestags vor der Bundestagswahl aus und von dem Parlament verabschiedete, das er zwölf Jahres lang an vorderster Front repräsentierte. Eine die lohnt, aufgehoben zu werden und die darüber hinaus belegt, dass der 1948 in Bochum Geborene wohl auch ein Bundespräsident gewesen wäre, der diesem Land gut zu Gesicht gestanden hätte. Indes, Lammert wollte nicht. Der umfassend gebildete Sozialwissenschaftler war eine Ausnahmeerscheinung unter den Parlamentariern. Als Abgeordneter wie als Parlamentspräsident verkörperte er eine Mischung aus substanzieller Ernsthaftigkeit, Intellekt, Eloquenz und Humor, die – in dieser Dichte – heute Seltenheitswert besitzt. Er selbst war klug genug, darum zu wissen, wenn auch nicht immer bemüht, es zu verbergen. Wie alle Menschen von solchem Format hat es auch der „Unfehlbare“, wie Lammert in der Union bisweilen genannt wurde, weder sich noch seiner Partei leicht gemacht. Und auch in seiner Kirche eckte der Katholik mitunter an. Bei den einen wegen seiner Haltung in der Scheinfrage und seiner Unterstützung des Vereins „Donum vitae“, bei den anderen, weil er Papst Benedikt XVI. einlud, im Reichstagsgebäude zu sprechen.

Der Bundestag, befand Lammert zum Abschied, sei „stärker und einflussreicher als die meisten Parlamente auf diesem Globus“, wenn auch „nicht immer so gut, wie er sein könnte und vielleicht auch sein sollte“. Von den Parlamentariern erbat er sich mehr „Eifer“ bei der Kontrolle der Regierung und einen weniger „großzügigen Umgang mit unserer Verfassung“. Von den Bürgern, dass sie das Recht, „selbst darüber befinden zu können, von wem sie regiert werden wollen“ so ernst nähmen, wie es sei. Demokratien, mahnte Lammert, könnten auch „ausbluten“. Nämlich dann, wenn sie die Unterstützung der Menschen verlören, „für die sie da seien“. Demokratien stünden und fielen „mit dem Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger“. Das war keine wohlfeile Politikerschelte, sondern eine Aufforderung zu mehr staatsbürgerlichem Engagement. Norbert Lammert – so viel ist sicher – wird fehlen.

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