Kommentar: Digitales Unverständnis

Von Oliver Maksan

Das Biotop Berlin treibt seit eh und je seltsame Blüten. Jüngster Spross: Die Piraten. Deutschland hat seit Sonntag eine linke Partei mehr in einem Parlament. Alle 15 Listenkandidaten der Partei haben es aus dem Stand in das Berliner Abgeordnetenhaus geschafft. Vor allem die junge, aber auch die mittlere Generation hat ihre digitale Lebenswelt damit in die Abgeordnetensessel gehievt. Das Internet, für viele nur Mittel zum Zweck oder Zeitvertreib, ist den Piraten und ihren Wählern mehr: Es ist eine Verheißung umfassender politischer, sozialer und kultureller Partizipation und Transparenz. Das Verhältnis zum metaphysisch derart aufgeladenen Netz ist das Maß der Dinge, das folgerichtig auch in der Wahlkabine entscheidend ist. Offenbar genügen selbst die Grünen dieser digitalen Avantgarde nicht mehr.

Der Erfolg der Piraten reiht sich indes ein in eine Reihe von Phänomenen wie WikiLeaks und Stuttgart 21. Man kann ihnen applaudieren als Ausdruck von aktivem Bürgersinn in Zeiten des Internets. Tatsächlich sind sie aber Ausfluss eines umfassenden Misstrauens in die repräsentative Demokratie – und einem fundamentalen Unverständnis für ihre Vorzüge. Denn an ihr führt – soll die Dynamik von Massendemokratien nicht außer Kontrolle geraten – kein Weg vorbei. Dem typischen Piratenwähler – männlich, jung, Typ Wikipedia-Artikel-Schreiber – ist aber nur schwer zu vermitteln, warum zwischen seiner atomisierten Großstadtexistenz und politischen Entscheidungen mehr als ein Mausklick liegen soll.

Zu diesem individualistischen Lebensentwurf – mit mir fängt's an und mit mir hört's auf – passt auch die aggressive Haltung gegenüber der Religion. Ganz Berlin war plakatiert mit Piraten-Slogans wie „Religion jetzt privatisieren“. Die langfristige Prägung einer Gesellschaft durch gewachsene, wertetragende Institutionen wie den Großkirchen passt eben nicht ins Konzept eines schnelllebigen, vom Internet nivellierten digitalen Elektorats. Man kann nur hoffen, dass sich die Piraten nicht auch andernorts bereit zum Entern machen.

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