Kommentar: Die Selektion kann beginnen

Von Stefan Rehder

Mehr als zwei Jahre gibt es die mit reichlich Verspätung erlassene Rechtsverordnung zur Regelung der Präimplantationsdiagnostik (PID) schon. Dass trotzdem erst Mitte dieser Woche in Stuttgart erstmals die gemeinsame Ethikkommission zusammentraf, welche die Anträge von Paaren aus Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Sachsen und Thüringen begutachten sollen, die eine PID nach künstlicher Befruchtung in Anspruch nehmen wollen, mag Lebensrechtler mit einer gewissen Genugtuung erfüllen. An der Sache selbst ändert auch diese Verzögerung nichts. Ab sofort kann in sechs Bundesländern selektiert werden. Andere werden folgen. Man braucht kein Prophet sein, um zu wissen, was nach der Aufweichung des Embryonenschutzes nun alles auf die Republik zukommen wird. Einige der Paare, deren Anträge von einer Ethikkommissionen abgelehnt werden, werden gegen die Entscheidung klagen. Andere werden bei einem weit entfernten PID-Zentrum in der Hoffnung vorstellig werden, dass die für dieses Zentrum zuständige Ethikkommission dann eine genehmere Entscheidung fällt. PID-Tourismus wird es also auch in Zukunft geben, nur eben innerdeutsch, statt international. Wieder andere werden sich an die Medien wenden und versuchen, mit medialem Rückenwind eine weitere Liberalisierung der Rechtslage zu erreichen.

Spannend wird allenfalls die Frage, ob sich die Ethik-Kommissionen auch einen Wettkampf darum liefern werden, wer die liberalste im Land ist. Bis die Öffentlichkeit erfährt, wie viele Anträge die Kommissionen ablehnen, welche sie genehmigen und warum, wird viel Zeit verstreichen. Denn die Regierung muss nur alle vier Jahre dem Parlament über die Erfahrungen berichten, die Deutschland ab jetzt mit der Selektion genetisch geschädigten Nachwuchses sammeln wird. Ob die dabei erhobenen Daten dann zuverlässige Aussagen über Trends erlauben oder nicht, ist fast bedeutungslos. Denn ein politischer Wille, der den Missbrauch des Missbrauchs verhindern könnte, ist zwar existent, aber nicht mehrheitsfähig.

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