Kommentar: Die Faszination des Bösen

Von Stefan Rehder
Foto: DT | Stefan Rehder.
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Wer Halloween nur als ein Kostümfest betrachtet, der unterschätzt den aus den USA über den Atlantik geschwappten Brauch geradezu fahrlässig. Denn Halloween ist keine vorgezogene Karnevalsveranstaltung, mit der Narren den Beginn der fünften Jahreszeit vorzeitig einläuten könnten. Statt um ausgelassene Freude geht es bei dem heidnischen Fest, dessen Wurzeln tief in die Kultur der Kelten hineinreichen und von in die USA ausgewanderten Iren dorthin exportiert wurde, vorrangig um die Verbreitung von Angst und Schrecken. Auch wer die Kirche im Dorf lässt und nicht gleich fürchtet, der Teufel könne in jene fahre, die als Skelette, Vampire und Zombies verkleidet an den Häusern klingen und ihre Bewohner vor die Wahl „Süßes oder Saueres“ stellen, kann Halloween nichts Gutes abgewinnen. In grauen Vorzeiten, in denen der Tod allgegenwärtig war, mag ein solches Fest dazu beigetragen haben, die Angst der Menschen vor dem Unvermeidlichen, das ihrer Kontrolle entzogen war, im Zaun zu halten. Heute aber, da Sterben und Tod längst aus der Mitte der Gesellschaft verbannt wurden, schürt dieses Fest vor allem die Faszination am Bösen. Die Illusion eigener Größe und Stärke aus dem Umstand abzuleiten, dass man in der Lage ist, anderen Schrecken einzujagen, die Selbstsuggestion, mit Drohungen Süßigkeiten erpressen zu können, ist letztlich nichts anderes als Gift, das still und heimlich in Kinderseelen träufelt. Wie wenig Halloween mit gesunder Freude oder auch nur kindlichem Spaß zu tun hat, sieht jeder, der an Allerheiligen die Folgen besichtigt, die die Lust an der Zerstörung in Innenstädten, Wohnsiedlungen und auf Friedhöfen hinterlassen hat.

Christen könnten dem gespenstischen Treiben leicht etwas entgegensetzen. Warum die Nacht auf Allerheiligen nicht nutzen, um Kostümfeste der besonderen Art zu feiern? Skelette lassen sich ja auch gegen Mantel und Schwert des heiligen Martin eintauschen. Niemand ist verpflichtet, als Kürbiskopf durch die Gegend zu laufen, der auch als Thomas von Aquin, Pater Pio oder Elisabeth von Thüringen „bella figura“ machen könnte.

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