Kommentar: Die Bilanz des Schreckens

Von Stefan Rehder

Es ist eine Bilanz des Schreckens. Eine, deren tatsächliches Ausmaß sich auch 25 Jahre, nachdem am 26. April 1986 der Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl explodierte, nicht genau beziffern lässt. Atomkraftgegner sprechen von mehr als 100 000 Toten in der Zivilbevölkerung. Befürworter räumen rund 10 000 Opfer ein, deren Tod in direktem Zusammenhang mit der bislang schwersten Reaktorkatastrophe stehe, bei der der über 1 000 Tonnen schwere Deckel des Reaktorkerns abgesprengt und Unmengen radioaktives Material freigesetzt wurde. 116 000 Menschen mussten damals evakuiert, 200 000 weitere umgesiedelt werden. Bis heute gelten 150 000 Quadratkilometer in Weißrussland, Russland und der Ukraine, auf denen rund fünf Millionen Menschen leben, als radioaktiv verseucht. Hinzu kommen 45 000 kontaminierte Quadratkilometer in Westeuropa, in denen größere Mengen der gefährlichen Radionuklide heruntergingen. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, wird erst in drei Jahrhunderten abgeklungen sein. Die Zahl der Menschen, deren Gesundheit durch Strahlenschäden oder verstrahlte Lebensmittel geschädigt wurde, reicht in die Millionen. Die Sowjetregierung verpflichtete 1986 rund 800 000 Menschen, meist junge Soldaten, zu Lösch- und Aufräumarbeiten. Rund Dreiviertel der sogenannten Liquidatoren sind inzwischen verstorben. Alle anderen sind schwer krank. Dass die Katastrophe von Tschernobyl anders als die von Fukushima die Regierungen der Industrieländer damals nicht zwang, ernsthaft über einen Ausstieg aus der Kernenergie nachzudenken, hat viele Gründe. Zu ihnen zählt, dass der Ostblock technologisch als rückständig galt und es auch war. Ähnliches könne sich in einem Kernkraftwerk westlicher Bauart nicht wiederholen, war man sich sicher. Fukushima zeigt, dass dies ein Irrtum war und auch westlich inspirierte Ingenieurkunst nicht alle Risiken ausschalten kann, die mit dem Betreiben eines Kernkraftwerks einhergehen. Und weil dieser Irrtum zu einer ähnlichen Bilanz des Schreckens führen wird, muss jeder weitere als unzumutbar betrachtet werden.

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