Kommentar: Der Hasardeur gewinnt erneut

Von Stephan Baier
Stephan Baier.
Foto: DT | Stephan Baier.

Bei der zweiten griechischen Parlamentswahl dieses Jahres hat Syriza-Chef Alexis Tsipras nicht viel weniger Prozentpunkte errungen als bei der ersten. Aber können es die gleichen Wähler gewesen sein? Ist es im Mutterland der Demokratie denkbar, dass dieselben Menschen, die im Januar Syriza wählten, um die „Spardiktate“ der übrigen Europäer auf den Müll zu werfen, im September Syriza wählen, um ebendiese „Spardiktate“ getreu zu erfüllen? Ist es denkbar, dass die Bürger in einer so tiefen wirtschaftlichen und sozialen Krise ihres Landes ihr Schicksal freudig in die Hände eines Mannes legen, der nicht nur Griechenlands Geldgeber, Freunde und Partner mehrfach offen belog, sondern nahezu alles vergaß, was er dem eigenen Volk im ersten Wahlkampf dieses Jahres und vor dem Referendum über besagtes „Spardiktat“ versprach?

Die kaum mit Glückwünschen garnierten Mahnungen aus Brüssel, die alt-neue Regierung in Athen möge sich konstruktiv verhalten und ja nicht von ihren Reformzusagen abrücken, zeigen alle Zweifel: Im Gegensatz zu 35,5 Prozent der griechischen Wähler hat der Rest Europas Tsipras als einen gefährlichen Spieler erlebt und erlitten, als waghalsigen Hasardeur, der Versprechen und Vereinbarungen gewissenlos über Bord wirft, wenn es ihm ideologisch geboten, opportun oder einfach möglich scheint. Nicht nur in Brüssel und Berlin muss man nach dieser Wahl mit einer neuen Odyssee auf dem Weg zur Stabilisierung Griechenlands rechnen. Freude kam dagegen bei Russlands Präsident Wladimir Putin auf, der umgehend eine Vertiefung der Zusammenarbeit mit Athen anbot. Kein Wunder: Die skurrile Mischung aus kommunististischer Ideologie und orthodox lackiertem, europaskeptischem Nationalismus, die sich im Regierungs-Duo von Syriza und Anel spiegelt, verkörpert in Russland Putin mit seiner Person und seiner autokratischen Politik. Im Unterschied zu Tsipras ist Putin allerdings kein hitziger Hasardeur, sondern ein nüchterner Schachspieler der Macht. Wenn ihm jetzt der griechische Springer in die Hand fällt, kann er damit vielleicht sogar die Außenpolitik der EU schachmatt setzen.

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