Kommentar: Denkfehler und Geständnis

Von Stefan Rehder

Seit Aristoteles wird unter „Logik“ die Lehre vom rechten Denken verstanden. Wer etwas als „unlogisch“ branndmarkt, behauptet, an der von ihm inkriminierten Stelle sei das rechte Denken verletzt worden. In der öffentlichen Kommunikation wiegt ein solcher Vorwurf schwer, weil von denen, die sich an ihr beteiligen, erwartet werden darf, dass sie ihre Worte bedacht haben, bevor sie sie äußern. Der GAU öffentlicher Kommunikation ist erreicht, wenn der Vorwurf fehlerhaften Denkens auf den zurückfällt, der ihn erhebt. Genau dies ist jetzt dem Noch-Präsidenten der Bundesärztekammer (BÄK) widerfahren. Ohne Not hat Jörg-Dietrich Hoppe, der auf dem nächsten Ärztetag nicht mehr kandidieren will, ein Interview gegeben, das aus mehreren Gründen skandalös ist. Dass ein scheidender Präsident öffentlich Mutmaßungen darüber anstellt, wie der nächste Ärztetag in Fragen der Präimplantationsdiagnostik (PID) und des ärztlich assistierten Suizids entscheiden wird, muss als Versuch verstanden werden, diese Entscheidungen zu präjudizieren, was schon der Respekt vor den Delegierten verbietet. Skandalös ist ferner Hoppes Behauptung, ein Verbot der PID sei „unlogisch“, weil derselbe Embryo abgetrieben werden dürfe, wenn bei ihm mittels pränataler Diagnostik eine Behinderung festgestellt werde. Von Hoppe darf erwartet werden, dass er sich mit den Bestimmungen, mit denen der Staat vorgeburtliche Kindstötungen regelt, auskennt. Dann weiß er aber auch, dass der Staat Abtreibungen nicht wegen der diagnostizierten Behinderung des Embryos erlaubt, sondern wegen der diagnostizierten Notlage der ungewollt Schwangeren (etwa Suizidgefahr). Wer eine künstliche Befruchtung mit PID erwägt, will schwanger werden. Von einer Notlage kann daher keine Rede sein. Ungleiches ungleich behandeln zu wollen, ist aber nicht unlogisch, sondern logisch. Schwerer als der Denkfehler des Präsidenten wiegt jedoch sein Geständnis: Denn indirekt gibt Hoppe zu, dass Ärzte seit Jahren gesetzwidrig handeln. Offenbar rechtfertigt in der Praxis allein die Behinderung des Kindes dessen Abtreibung.

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