Kommentar: Das Grauen und die Vergebung

Von Stefan Meetschen

Auschwitz, Buchenwald, Bergen-Belsen, Dachau und Ravensbrück – wie eine Revue des Grauens ziehen in diesen Tagen noch einmal die bekanntesten und größten Konzentrationslager des Nationalsozialismus vor unsere Augen. Ein Anblick, der erschüttert. Denn was die Alliierten, welche die Folter- und Todesstätten vor 70 Jahren befreiten, damals vorfanden, waren Menschen oder nur noch Spuren von Menschen, denen Deutsche im Namen einer unmenschlichen Ideologie unmenschliches Leid zugefügt hatten: durch pseudo-medizinische Experimente, sklavische Arbeitsdienste und grausame Ermordung. Auch so viele Jahre nach dem Geschehenen spüren wir, wenn wir die wenigen, heute noch lebenden Gefangenen der Lager, die jetzt zu Gedenkfeiern anreisen, sehen, ein Gefühl der Scham und der Schuld, der „unermesslichen Schuld“, wie es Bundespräsident Joachim Gauck präzise formuliert hat.

Umso dankbarer dürfen wir Menschen wie dem jüngst in Warschau verstorbenen Historiker, Publizisten und Politiker Wladyslaw Bartoszewski sein, der als christlicher Überlebender von Auschwitz und als Zeuge des Warschauer Ghettos und Aufstands später imstande war, das vielleicht Unbegreiflichste zu tun, was ein Opfer tun kann – zu vergeben, ohne die Schwere des Verbrechens zu relativieren. Bartoszewski, der nach dem Krieg im kommunistisch besetzten Polen weiterhin ein Leben des Widerstands führte, machte dabei aus seinem katholischen Glaubensfundament keinen Hehl. Es gab ihm die Kraft und spornte ihn an, engagiert für die Versöhnung von Deutschen, Polen und Juden in Europa und der ganzen Welt zu arbeiten – sei es als Gastprofessor in München, an der Katholischen Universität Eichstätt oder in Augsburg. Später nach der Wende auch als polnischer Außenminister und außenpolitischer Berater von Premier Donald Tusk, dem jetzigen Europaratspräsidenten. Dass die Vergebung und die Existenz eines demokratischen Deutschlands für Bartoszewski keine Selbstverständlichkeit waren, daran ließ der eloquente Mann nie einen Zweifel. Zu Recht!

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann