Kommentar: Das Gesetz ist das Problem

Von Stefan Rehder

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, heißt es in den „Minima Moralia“ Theodor Adornos. Wie zutreffend dies ist, hat jetzt selbst das FDP-geführte Gesundheitsministerium erfahren, in dem sich die Begeisterung für philosophische Einsichten in engen Grenzen hält. Mehr als ein halbes Jahr haben seine Beamten benötigt, um eine Rechtsverordnung zu erlassen, die Unmögliches vollbringen soll und sind daran grandios gescheitert. Was nicht einmal ihre Schuld ist. Denn niemand kann dafür sorgen, dass ein falsches Gesetz richtig durchgeführt wird. Selbst die Reproduktionsmediziner sind, obgleich erfreut, dass die lange herbeigesehnte Rechtsverordnung endlich das Licht der Welt erblickt hat, mit ihrer Ausgestaltung nicht restlos zufrieden. Dabei sollte sich niemand von ihren Beschwichtigungen blenden lassen. Auch wenn es sicher zutrifft, dass derzeit niemand fürchten muss, nun würden hunderte PID-Zentren aus dem Boden gestampft, so schafft die Verordnung, wenn es bei ihr bliebe, doch die Voraussetzung genau dafür. Mit anderen Worten: Zukünftig wird die Nachfrage das Angebot regeln. Noch wird diese, dank des Embryonenschutzgesetzes (ESchG) oder dem, was der Gesetzgeber davon übrig gelassen hat, nicht alle Dämme hinwegschwemmen. Doch sollte sich niemand täuschen: Diejenigen, die seit einem Jahrzehnt immer neue Attacken gegen das ESchG reiten, das einmal wie in Stein gemeißelt schien, sind weiter am Werk. Und sie werden nicht ruhen, bis auch die Fundamente geschleift worden sind. Wer der Sucht nach Perfektionismus begegnen will, wer das nackte Recht auf Leben höher bewertet als die hübsch gewandete, aber menschenverachtende und tödliche Ästhetik der Perfektion, der muss in dieser Gesellschaft nicht nur Dämme abdichten, der muss einen Bewusstseinswandel herbeiführen, der dem Angebot die Nachfrage entzieht. Und es gibt niemanden, der dazu so prädestiniert wäre, wie die Kirche. Dank ihres Stifters weiß sie, wie „richtiges Leben“ geht. Nur muss sie es in Deutschland und andernorts auch wieder stärker lehren wollen.

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