Kommentar: Das Ausmaß der Barbarei

Von Stefan Rehder

Die Spätabtreibungen hätten sich nahezu verdreifacht, geisterte es Anfang der Woche durch die Medien. So soll die Zahl der vorgeburtlichen Kindstötungen, die nach der 22. Schwangerschaftswoche durchgeführt wurden, von 177 im Jahr 2001 auf 480 im Jahr 2011 gestiegen sein. Das gehe aus einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes hervor. Für die ersten beiden Quartale dieses Jahres hätten die Statistiker sogar bereits 246 Spätabtreibungen gezählt. Abgesehen davon, dass sich die Behörde nicht nur weigert, von „vorgeburtlichen Kindstötungen“ zu sprechen, sondern selbst den Begriff der „Spätabtreibung“ meidet wie der Teufel das Weihwasser und die Tötung von Kindern, von denen viele auch außerhalb des Mutterleibes überleben könnten, als „Schwangerschaftsabbruch nach der 22. Woche“ deklariert, tendiert die Aussagekraft solcher Zahlen gegen Null. Niemand weiß, wie viele Spätabtreibungen, die bis kurz vor Einsetzen der Wehen durchgeführt werden, tatsächlich vorgenommen werden. Und das seit vielen Jahren.

Ein Grund: Als der Bundestag 2009 das Schwangerschaftskonfliktgesetz änderte, verzichtete er getreu dem Motto: „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ erneut auf eine genaue statistische Erfassung solcher vorgeburtlichen Kindstötungen. Sogar Ärzte, die keinerlei unüberwindbare Probleme mit der Durchführung solcher Kindstötungen haben, klagten damals, die geltende Statistik sei „ungenau“ und enthalte „Lücken“, wie die fehlende „Erfassung des Fetozids bei Mehrlingsschwangerschaften oder des Fetozids aus anderen Gründen“. Seit Inkrafttreten des Gesetzes am 1. Januar 2010 gilt nun lediglich: Wer den Wiesbadener Statistikern die Durchführung von Spätabtreibungen verschweigt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Gut möglich, dass deshalb inzwischen mehr Ärzte ihrer Dokumentationspflicht nachkommen. Eine Verdreifachung der Spätabtreibungen binnen einer Dekade anzunehmen, ist allerdings genauso naiv, wie zu meinen, die aktuellen Zahlen bildeten das wahre Ausmaß dieser Barbarei auch nur annähernd zutreffend ab.

Themen & Autoren

Kirche