Kommentar: Bühnen des Dialogs stärken

Von Stephan Baier
Foto: DT | Stephan Baier.
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Man kann einer Theaterbühne viel vorwerfen, nicht aber die schwache Performance der Schauspieler oder das mangelhafte Marketing des Theaterdirektors. Das in Wien ansässige „König Abdullah Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ (KAICIID) ist eine Bühne, auf der religiöse und politische Akteure miteinander ins Gespräch kommen, die sonst wenig Begegnungsmöglichkeiten haben. Dass Bundeskanzler Werner Faymann die Sinnhaftigkeit des Zentrums und der Mitwirkung Österreichs daran jetzt in Frage stellt, weil das (von Riad alleine finanzierte) KAICIID weder die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien verbessern noch die dortigen Menschenrechtsverletzungen lauthals anprangern konnte, wirft die Frage auf, wie unbedarft Österreichs Kanzler ist. Wenn Faymann auch nur eine Minute dachte, ein internationales Dialogzentrum in Wien könne ein Hebel sein, um den wahhabitischen Islam oder Saudi-Arabien als Staat aus den Angeln zu heben, ist er naiv.

Wenn er aber meinen sollte, das KAICIID müsse täglich Menschenrechtsverletzungen in der islamischen Welt anprangern, verkennt er das Wesen des interreligiösen Dialogs. Der besteht weder in einer Fusion der bestehenden Religionen zu einem „Projekt Weltethos“, noch darin, eine fromme Variante der UNO zu etablieren. Vielmehr sollen Menschen unterschiedlichen Glaubens und verschiedener ethischer Auffassungen einander zuhören und miteinander ins Gespräch kommen, um den kleinsten gemeinsamen Nenner friedlichen Mit- oder Nebeneinanders auszuloten. Das klingt bescheiden, ist aber für Millionen bedrängter und verfolgter Christen in vielen Ländern heute eine große, leider unerfüllte Sehnsucht. Das vom verstorbenen saudischen König Abdullah initiierte und finanzierte Zentrum hat in Wien Religionsvertretern – Schiiten, Juden, Jeziden, Christen – eine Bühne geboten, die in Saudi-Arabien nicht einmal eine Einreisegenehmigung bekämen. Statt das KAICIID mürrisch in die Luft zu sprengen, täte Wien gut daran, diese reichlich fragile Bühne des interreligiösen Dialogs zu stärken und zu stabilisieren.

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