Kommentar: Blick in den Abgrund

Von Markus Reder

Ronald Pofalla hat sich für seine Attacke auf Wolfgang Bosbach entschuldigt. Ausgestanden ist die Angelegenheit deshalb noch nicht. Der Kanzleramtsminister hatte den CDU-Abgeordneten, der in der Abstimmung über den Euro-Rettungsschirm nicht auf Linie seiner Fraktion lag, übelst beschimpft. „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“, wird Pofalla zitiert. Als sich Bosbach zur Begründung seiner Haltung auf Grundgesetz und Gewissen berief, habe Pofalla geantwortet: „Lass mich mit so einer Scheiße in Ruhe.“

Pofallas Äußerungen disqualifizieren sich selbst. Von einem Ausrutscher ist nun die Rede. Das ist falsch. Pofallas bodenlose Rüpelei ist kein Ausrutscher. Es ist lediglich das erste Mal, dass dieser Umgangston öffentlich wird und seine Kreise zieht. Ausrutscher würde bedeuten, da sei einer eigentlich ganz anders, hätte sich aber aus Gründen enormen Drucks oder angespannter Nerven ausnahmsweise mal vergriffen. Das triff bei Pofalla nicht zu. In dessen sprachlicher Entgleisung zeigt sich Grundsätzliches. Hier spricht einer aus, was er denkt und zeigt dabei, wie für ihn Politik funktioniert: Druck erzeugen, Fresse halten, abstimmen.

Auch wenn es zutrift, dass Politik nicht mit Glacéhandschuhen gemacht wird, Pofallas Äußerungen eröffnen einen Blick in den Abgrund sogenannter christdemokratischer Politik. Sie zeigen außerdem: Der Mann ist für den moderierenden Posten des Kanzleramtsministers gänzlich ungeeignet.

Pofalla ist nicht nur ein Meister der sprachlichen Blutgrätsche, seiner Regie als Generalsekretär ist es maßgeblich mitzuverdanken, dass sich die CDU immer weiter von alten Stammwählerschichten entfernt hat. Die Kanzlerin und CDU-Chefin vertraut ihm seit langem. Angela Merkel hat ihn erst zu ihrem Generalsekretär, später zum Chef des Bundeskanzleramtes gemacht. Wer den Verweis eines Parlamentariers auf Grundgesetz und Gewissen mit dem Satz quittiert: „Lass mich mit so einer Scheiße in Ruhe“, ist als Minister untragbar. Ein solches Politikverständnis überrascht leider nicht, bleibt aber völlig inakzeptabel.

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann