Kommentar: Arbeitgeber mit ins Boot

Immer mehr Menschen in Deutschland werden älter als früher und gleichzeitig nimmt die Zahl der jüngeren Menschen ab, weil die Geburtenrate so niedrig ist – das verbirgt sich hinter dem etwas verniedlichenden Begriff von der demografischen Entwicklung. Was auch zur Folge hat: Es werden in Zukunft in Deutschland mehr Menschen gepflegt werden müssen, während gleichzeitig die Größe der Familien, in denen das geschieht, sehr viel kleiner geworden ist und noch weiter wird. Während noch vor dreißig, vierzig Jahren sich vier, fünf Kinder abwechseln konnten, ihre Mutter oder ihren Vater zu betreuen, sind es heute oft nur noch eins oder zwei Kinder, die sich dieser Aufgabe – vermehrt – stellen müssen. Das ist ein stark vereinfachendes Beispiel – aber es zeigt doch, dass nicht allein das Verhältnis der Zahl der Erwerbstätigen zu der Zahl der Rentner, deren Renten sie finanzieren sollen, in ein Missverhältnis geraten ist, sondern auch das quantitative Verhältnis derjenigen innerhalb von Familien, die pflegen können, und derjenigen, die gepflegt werden müssen – was beides zu einem gesellschaftlichen Unfrieden beitragen kann.

Insofern ist der Vorschlag der Politik, pflegende Angehörige gesetzlich eine Auszeit von zwei Jahren von ihrem Arbeitsplatz zuzugestehen, in der sie sich um Eltern und Verwandte kümmern können – bei etwas vermindertem Einkommen –, grundsätzlich richtig; aber der Haken dabei ist: Den Einkommensverlust können sich eher die leisten, die ein höheres Einkommen haben. Diejenigen aber, die weniger verdienen, müssen sich die Auszeit zweimal überlegen. So profitieren ähnlich wie bei der Kinderförderung auch bei dieser Art privaten Pflegeförderung eher die vermögenderen Schichten. Von einer Wahlfreiheit zwischen der Pflege zu Hause oder der Möglichkeit, Angehörige in Pflegeheime geben zu müssen, kann nicht die Rede sein – aber eine solche Freiheit ist wichtig. Deshalb müssten unbedingt die Arbeitgeber mit zur Finanzierung herangezogen werden, wenn die Familienpflegeförderung wirklich ein Erfolg werden soll.

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