Kommentar: Ankara steht in der Pflicht

Von Oliver Maksan

Am Freitagmorgen hat die Türkei erstmals Bomber losgeschickt, um IS-Stellungen im Nachbarland Syrien anzugreifen. Das stellt ein Novum in der IS-Politik der Türkei dar. Aber ist es auch ein Wendepunkt? Offensichtlich ist, dass die Türkei nach dem IS-Anschlag von Suruç um ihre innere Sicherheit fürchtet – und zwar aus zwei Richtungen. In einer landesweiten Razzia wurden jetzt hunderte Terrorverdächtige festgenommen – IS-Anhänger, aber auch militante Kurden. Die von dem IS-Angriff betroffenen Kurden des Landes sind wegen Suruç schließlich aufgebracht wie lange nicht. Sie werfen der Regierung eine Mitschuld vor, weil sie den IS unterstützt habe. Eine neue Welle kurdischer Gewalt droht. Anzeichen dafür gab es jetzt schon. Nicht zuletzt, um dieses Feuer auszutreten und die kurdische Bevölkerung zu besänftigen, hat die türkische Führung jetzt die Luftschläge befohlen.

Es ist aber nicht nur das kurdische Kalkül, das den Lufteinsatz motiviert hat. Nach der in einem Fall tödlichen Attacke von syrischen IS-Kämpfern gegen türkische Soldaten am Donnerstag musste die Türkei reagieren. Dies war der erste direkte Angriff des IS auf türkisches Militär. Ziel dürfte gewesen sein, die Türkei vor einer Änderung ihrer IS-Politik zu warnen. Dass Erdogan und Obama jetzt vereinbart haben, türkische Militärbasen für US-Bomber im Anti-IS-Einsatz zu öffnen, zeigt, dass diese Sorge der Dschihadisten nicht unbegründet ist. Die Frage ist, in welchem Umfang sich die Türkei der Anti-IS-Koalition eingliedern wird, der sie nominell schon angehört. Die Versuchung für Ankara dürfte weiterhin groß sein, sich vor allem defensiv zu verhalten und die Amerikaner die Arbeit machen zu lassen.

Doch würde die Türkei damit ihrer Verantwortung nicht gerecht. Die Geschichte von Erdogans Türkei und den in Syrien kämpfenden Dschihadisten ist teilweise wenigstens die vom Zauberlehrling, der irgendwann nicht mehr beherrschen kann, was er hervorgerufen hat. Die Türkei als eine der stärksten Militärmächte im Nahen Osten steht deshalb in der Pflicht, ihren Beitrag zu leisten, das Krebsgeschwür IS auszumerzen.

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