Kommentar: Ärzte als Zusteller des Todes?

Von Stefan Rehder
Foto: DT | Stefan Rehder.

In den Niederlanden sind der „ärztlich assistierte Suizid“ und die „Tötung auf Verlangen“ längst „keine Ausnahmen“ mehr. Was auch dort einmal als „letzte Hilfe“ für besonders schwere Fälle gedacht – zumindest aber so verkauft worden war – wird von unseren Nachbarn inzwischen als „normaler Vorgang“ betrachtet. Ergo, als Weg, mit dem man auch aus dem Leben scheiden könne. Dergleichen behaupten nicht etwa „selbsternannte“ Lebensrechtler, die hierzulande kritisch beäugt und als voreingenommen diskreditiert werden, sondern ein Medizinethiker, der jahrelang selbst Teil des Systems war und der den gesellschaftlichen Wandel, der sich in den Niederlanden binnen kaum mehr als einer Dekade vollzog, aus nächster Nähe beobachten konnte.

Was in unbedarften Ohren wie eine Sensation klingen mag, bestätigt exakt jene Befürchtungen, die Lebensrechtler schon gehegt und artikuliert hatten, bevor die Niederlande daran ging, das Verbot der ärztlichen Sterbehilfe auf den Müllhaufen der Geschichte zu befördern. Es gibt keinen einzigen vernünftigen Grund, der Politiker berechtigte anzunehmen, diese Entwicklung, die sich längst auch in Belgien zeigt, könnte sich in Deutschland anders ausnehmen. Wer den ärztlich assistierten Suizid gesetzlich erlaubt, muss wissen, dass er damit das Heft des Handelns aus der Hand gibt. Denn es gibt nun einmal keine objektiven Kriterien dafür, welches Leid als unerträglich gelten kann. Was für den einen ein vom Krebs zerfressener Leib ist, ist für einen anderen der Verlust eines geliebten Menschen oder die Unfähigkeit, einem zur Obsession gewordenen Hobby nachgehen zu können. Wer den Arzt zum Zusteller des Todes macht, zwingt ihn, entweder sein Gewissen an der Praxistür abzugeben oder dazu, seine Patienten in solche zu unterteilen, die der Suizidhilfe „würdig“ sind und solche, die es nicht sind. Es liegt auf der Hand, dass letzteres dem Arzt einen Zuwachs an Macht bescheren würde, die der Rede vom selbstbestimmten Sterben diametral entgegensteht. Daher kann nur ein Verbot der Suizidhilfe deren Ausweitung verhindern.

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