„Kollektivschuldverdacht gegen Manager ist ungerecht“

Wolfgang Ockenfels, Professor für Sozialethik in Trier, über Populismus in der Politik und Tugend in der Wirtschaft

Sind die Äußerungen von Christian Wulff, Ministerpräsident von Niedersachsen, zur persönlichen Haftung von Managern populistische Managerschelte oder ein Beitrag juristischer Vernunft?

Herr Wulff scheint vergessen zu haben, dass wir in einem Rechtsstaat leben. Da sollte sich die Exekutive nicht unmittelbar in die Belange der Judikative einschalten. Die Justiz muss unabhängig bleiben, sonst wird sie zum Instrument des politischen Populismus. Vielleicht gibt es auch bei Volkswagen eine „pflichtwidrige Vernichtung von Kapital“, für die der Herr Ministerpräsident als Miteigentümer mitverantwortlich wäre.

Besteht nicht die Gefahr, mit solcher Schelte auf Kosten der Mehrheit pflichtbewusster Manager zu agieren?

Wenn Politiker das Management mit einem Kollektivschuldverdacht überziehen, ist das ungerecht. Vor allem dem Mittelstand und dem Handwerk gegenüber. Überdies ist das moralische Ansehen von Politikern selber ramponiert. Besonders da, wo sie sich als Banker in den staatseigenen Landesbanken hervorgetan haben. Und wo sie es unterlassen haben, die Finanzwirtschaft rechtlich besser vor Missbrauch zu schützen.

Der Unternehmer ist gesellschaftlich angesehen, der Manager als Verwalter fremden Guts nicht. Teilt die katholische Soziallehre diese Geringschätzung?

Auch angestellte Manager haben eine unternehmerische Funktion. Bei ihren Initiativen sind sie aber den Eigentümern gegenüber in besonderer Weise verantwortlich. Denn die Eigentümer haften mit ihrem Kapital auch für die Fehlentscheidungen und riskanten Spekulationen ihrer Manager. Besonders bei den großen anonymen Kapitalgesellschaften hapert es an der langfristigen Verantwortlichkeit der Manager. Diese müssten künftig stärker in die Mithaftung genommen – und dadurch auch moralisch diszipliniert werden.

Gegenwärtig gibt es viele moralische Appelle an das Managergewissen. Reicht das?

Leider hat sich die religiöse Bindung der Moral – etwa im Sinne der Zehn Gebote – immer mehr gelockert. Viele wollen nicht mehr sehen, dass sie schließlich auch Gott Rechenschaft schulden. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, nicht zu stehlen und zu lügen. Und nicht zu „begehren“! Jetzt beklagen zwar alle die „Gier“ der anderen, aber man selber will angeblich nur „berechtigte Eigeninteressen“ vertreten. Vor allem versucht man jetzt, den Mangel an freiwilliger Moral durch zwingende Rechtsnormen zu kompensieren. Die zunehmenden gesetzlichen Regulierungen und rechtlichen Kontrollen werden aber die Transaktionskosten erheblich ansteigen lassen. Billiger und besser wäre es, die klassischen Gebote und Tugenden neu zu entdecken und einzuüben.

Horst Seehofer hat am Aschermittwoch in Passau davon gesprochen, dass Arbeitnehmer Verständnis hätten, wenn ein Manager zehn oder 50-mal so viel verdiene wie sie, aber nicht tausendmal. Wieviel ist gerecht?

Nach der gefühlten Gerechtigkeit sind die maßlosen Gehaltssteigerungen vieler Spitzenmanager gewiss nicht zu rechtfertigen. Erst recht nicht mit der Leistungsgerechtigkeit. Diese lässt sich leider nicht so einfach quantifizieren. Die Lehre vom „gerechten Lohn“ enthält keine festgelegte Obergrenze. Auch der Staat wäre überfordert, solche Grenzen zu ziehen. Deswegen haben wir Tarifautonomie und Vertragsfreiheit. Die Eigentümer, also die Aktionäre, werden das, was sich manche Manager geleistet haben, nicht auch noch prämieren.

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