Köln feiert ein Fest des Glaubens für alle Generationen

Andrang bei Katechesen, Kardinalswetter und viele Gottsucher – Impressionen vom Eucharistischen Kongress Von Regina Einig
Foto: KNA | Jugendliche während einer Katechese auf dem Eucharistischen Kongress in Köln.
Foto: KNA | Jugendliche während einer Katechese auf dem Eucharistischen Kongress in Köln.

Wer beim Eucharistischen Kongress früh aufsteht, wird belohnt: Strahlender Sonnenschein fällt während der Laudes im Chorraum des Kölner Dominikanerklosters durch alte und moderne Glasfenster und macht das Stundengebet zum morgendlichen Kunsterlebnis. Etwa dreißig Besucher aller Generationen verstärken die Kommunität von St. Andreas. Der freundliche Empfang des Priors lässt die Mühen der organisatorischen Ebene vergessen, die vielen Besuchern und Helfern in den Wochen zuvor zu schaffen gemacht haben.

Während sich im Garten des Erzbischöflichen Hauses die ersten Gläubigen unter weißen Sonnenschirmen zum Beichtgespräch einfinden, füllt sich die Kirche des Priesterseminars bis auf den letzten Stehplatz. Der Donnerstag ist der Tag der Schüler – und der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa schöpft in seiner Katechese zum Petruswort „Herr, zu wem sollen wir gehen?“ aus seinen Gesprächen mit Jugendlichen. Beim Wunder der Eucharistie gehe es nicht um Privates, sondern um das Ganze – um Schöpfung und Erlösung. Gott greife in die Materie ein. Der „einzigartige Lehrer und göttliche Pädagoge Christus“ führe Menschen hin zur Eucharistie. „Das dürfen wir nicht herunterbrechen“, erklärt der Bischof mit Nachdruck und setzt der These eines modernen geistlichen Liedes „wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt“, eine rhetorische Frage gegenüber: „Was haben wir?“ Wie die Jünger angesichts der Begegnung mit dem Auferstandenen sollten die Gläubigen anerkennen, dass Gott zuerst wirkt. „Wir verfügen nicht über den eucharistischen Herrn“, unterstreicht Zdarsa. Allein die Aufforderung Christi „tut dies zu meinem Gedächtnis“ sei ein Grund zur Dankbarkeit. „Unser Leben soll kein Kreislauf sein, sondern eine Spirale: näher zu Gott hin.“

Christus habe alle seine Wunder gewirkt, um die Lehre vom Reich Gottes zu bestätigen. In Kafarnaum habe er sich dem Anspruchsdenken der Jünger entzogen und seine Hörer herausgefordert. Viele seien daraufhin weggegangen, doch habe Jesus nicht um sie gebuhlt. Um den Glauben der Apostel, die sich „mit einem Sprung in den Glauben hinein retteten“, so der Augsburger Oberhirte, habe Christus bis zum Ende seines Lebens gerungen.

Mit Nachdruck stellt sich Bischof Zdarsa hinter die von Papst Benedikt XVI. geforderte wörtliche Übersetzung der Wandlungsworte „pro multis“ als „für viele“. Dahinter stecke „tiefe Ehrfurcht vor dem Sprachgebrauch Jesu“. Es geht darum, so Bischof Zdarsa, „das Sensorium zu entdecken für das, was Jesus getan hat. Ob alle Menschen gerettet werden, das wissen wir nicht. Gott allein weiß die Wege.“ Sowohl die Anbetung als auch die Möglichkeit der geistlichen Kommunion müssten wieder entdeckt werden. Anbetung sei keine Privatsache. „Wir sündigen, wenn wir nicht anbeten.“ Der Augsburger Oberhirte empfiehlt den Gläubigen neben dem Knien als Zeichen der Ehrfurcht auch, nach der Mitfeier der Messe noch etwas in der Kirche zum Dankgebet zu verweilen, statt während des Schlussliedes aufzubrechen. Der Bischof verschweigt auch nicht, dass er selbst im Laufe der Jahre neue Perspektiven zur Betrachtung gewonnen habe: „Ich sehe mittlerweile auch die Möglichkeit, den Rosenkranz vor dem Allerheiligsten zu beten: als Meditation, um sich in das Geheimnis der Eucharistie hineinzudenken.“ Auf die Frage einer Teilnehmerin, warum es den Gläubigen oft so schwer falle, vor dem Tabernakel still zu werden, rät der Bischof, sich Zeit zu nehmen und es mit dem heiligen Franz von Sales zu halten: Man solle sich jeden Tag eine halbe Stunde Zeit nehmen, um auf Gott zu hören. Wer jedoch viel zu tun habe, solle sich eine ganze Stunde freihalten. Nicken und Schmunzeln bei den Zuhörern. Zustimmung erntet auch eine Teilnehmerin mit ihrer Kritik an meditativer Musik vom Band in vielen Kirchen. Wenigstens in Gotteshäusern solle Stille möglich sein.

Offene Türen rennen sie damit auch bei jungen Ordenschristen ein: Schwester Mechthild von den Dominikanerinnen von Maria Rosenberg erhofft sich vom Eucharistischen Kongress, dass die Menschen die Anbetung wieder mehr lieben lernen. Der leuchtend rote Schleier der Novizin ist ein Farbtupfer auf dem Neumarkt, wo sich die Diözesen mit Ständen präsentieren. Speyer schießt mit der aufwändigen Panoramakulisse des Doms und Pfälzer Wein den Vogel ab, auch Berlin trifft mit frisch gebackenem Hedwigsbrot ins Schwarze.

Szenenwechsel. Vor spärlich besetzten Reihen im Pressesaal steht der sichtlich erschöpfte Kardinal Lehmann Journalisten Rede und Antwort. Offen gesteht Lehmann geistliche Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte ein. Es gelte heute, ein vertieftes Verständnis für Ritus und Ritual zu finden. Vor allem die Vielfalt der Gebetsformen solle neu entdeckt werden. „Wir sind stark am Bittgebet orientiert. Das kann ein problematisches Betteln werden.“ Auch Stoßgebete und die Klage gehörten zum Beten. Auf die Frage, was die Kirche dem reihenweisen Wegbleiben der Kommunionkinder nach dem Weißen Sonntag entgegenzusetzen habe, wirkt der Mainzer Bischof ratlos. „Ohne das Elternhaus läuft nichts“, so der Kardinal. Jugendarbeit, Katecheten und Schule müssten Hand in Hand arbeiten – auch nach der Erstkommunionfeier. Vor allem setzt er auf die Selbständigkeit der Kinder. „Sie gehen heute früher eigene Wege.“ Oft seien Kinder „die besten Missionare ihrer Eltern“.

Wie wichtig der regelmäßige Besuch der Sonntagsmesse ist, wird im Vortrag des Bonner Dogmatikers Karl-Heinz Menke deutlich. In plastischen Bildern bringt er seinen Hörern im Maternushaus das Mysterium der Eucharistie nahe: Es gelte, sich immer wieder an der ausgestreckten Hand Jesu Christi festzumachen. Niemand könne den Leib des Herrn empfangen, ohne sich in die geschichtliche Hingabe des Sühnopfers mit hineinnehmen zu lassen. Vor diesem Hintergrund ist auch der Vorwurf der Ausgrenzung von eucharistischer Gastfreundschaft protestantischerseits kritisch zu beleuchten. Die Kritik evangelischer Christen, man habe wechselseitige Gastfreundschaft beim Abendmahl eben auch erst mit der Zeit lernen müssen, blendet die grundlegenden Unterschiede im Glauben aus: „Hat ein Christ mehr empfangen, wenn er am Abendmahl teilnimmt, als wenn er auf Gottes Wort hört?“, fragt Menke und gibt selbst die Antwort: nein. Wenn in evangelischen Gemeinden etwa alle vier Wochen ein Abendmahl vorgesehen war und Ostern und der Abendmahlstermin nicht zusammenfielen, werde Ostern eben ohne Abendmahl gefeiert. „Die Sehnsucht nach Veranschaulichung kann dann so groß nicht sein“, bilanzierte Menke und unterstreicht das „doppelte Plus der sakramentalen Kommunion“: Christus sei in jedem Fall gegenwärtig und strecke dem Menschen seine Hand entgegen. Darüber hinaus werde der Empfänger selbst in das Grundsakrament der Kirche eingebunden. Der emeritierte Augsburger Weihbischof Walter Mixa warnt in der Diskussion vor einer einseitigen Ausrichtung der Ökumene an protestantischen Forderungen. Ein Abfall von katholischen Glaubenswahrheiten werde den Bruch mit der Orthodoxie nach sich ziehen.

Der Publizist Andreas Püttmann wirft in seinem Vortrag einen unkonventionellen Blick auf die Situation des Glaubens in Deutschland: Studiere man die Umfragen zu dem, was Christen in Deutschland noch glauben, wie oft sie beten, am Gottesdienst teilnehmen oder sich selbst als religiöse Menschen bezeichnen, dann sei nicht erklärungsbedürftig, warum Jahr für Jahr wieder „so viele“ Leute aus der Kirche austreten, analysiert er. „Erklärungsbedürftig ist vielmehr, warum so wenige austreten.“ Vier Beweggründe nennt er: Das lebensgeschichtliche Gewicht familiärer Tradition, das vor einer Totaldistanzierung zurückschrecken lässt – manchmal auch aus Rücksicht gegenüber Eltern oder Partnern; der Wunsch, die großen biografischen Stationen wie Geburt, Erwachsenwerden, Heirat, Tod feierlich zu begehen, die rationale Einsicht in die positive soziale Rolle der Kirche, etwa als „Bollwerk gegen den rasanten Werteverfall“ (Oskar Lafontaine) sowie die Unsicherheit, ob nicht vielleicht doch etwas dran sein könne. Letzteres lasse es klüger erscheinen, einem vielleicht illusionären Glauben anzuhängen, als einem Unglauben, der sich später als Irrtum herausstelle.

Wie schwierig der Weg aus jahrelang eingeschliffenen Fehlhaltungen ist, macht mit viel Humor der Psychiater Raphael Bonelli klar. Sein überwiegend junges Publikum begeistert er mit einer ironisch-nachdenklichen Betrachtung des Unschuldwahns der säkularisierten Gesellschaft und ermutigt zur Beichte. Dort werde die Fähigkeit zum Bekenntnis eigener Schuld trainiert. „Für das, was in der Beichte geschieht, brauche ich in der Psychotherapie oft zwanzig Stunden.“ Das Schöne sei, dass es in der Beichte einen barmherzigen Richter gebe, den die Welt nicht habe. Die Beichte sei jedoch „kein Psychosakrament: Wir gehen nicht beichten, um uns hinterher besser zu fühlen, sondern weil wir Gott beleidigt haben und ihn um Verzeihung bitten“. Schuld zu verdrängen oder auf andere abzuwälzen führe oft zum falschen Habitus – klassisch „Laster“ genannt. Als klassische Sündenböcke müssten in der Regel Eltern, Lehrer und Kirche herhalten. Die tägliche Gewissenserforschung am Abend und hellhörige Aufmerksamkeit für die Kritik aus dem persönlichen Umfeld seien Hilfen zur Selbstkorrektur. „Schuldgefühle sind ein Zeichen psychischer Gesundheit“, unterstrich Bonelli. Zwar gebe es auch pathologische Schuldgefühle, doch seien sie die Ausnahme, nicht die Regel. Auf sein aktuelles Buch „Selber schuld“ habe er viel positive Resonanz auch von christlich nicht sozialisierten Kollegen erhalten: „Die Leute sind das Opfergelaber satt.“

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier