Knüppel aus dem Sack

Samuel P. Huntington und die große Kunst, mit Kindern über einen Weihnachtsmarkt zu gehen

Von Markus Reder

Am Sonntag, davon muss man leider ausgehen, ist für Millionen Kinder ein Tag der kompletten Verwirrung. Diese Verwirrung bahnt sich schon seit einigen Tagen an. Nicht heimlich, still und leise, sondern in aller Öffentlichkeit. Auf Weihnachtsmärkten, in Kaufhäusern, ach, nahezu überall lauern sie einem auf, die roten Kapuzenheinis. Dabei handelt es sich nicht um Stoßtrupps der SED-Erben, sondern um eine in Filzmäntelchen gehüllte Ausgeburt des Kapitalismus: Den Weihnachtsmann.

Wir ahnen schon, was manche jetzt denken. Muss man denn gleich so brutal über den Weihnachtsmann herziehen? Schließlich ist das doch alles gut gemeint und nett für die lieben Kleinen. Nun ja, erstens ist gut gemeint oft das Gegenteil von gut und zweitens ist es eher weniger nett, wenn man mit kleinen Kindern nicht mehr über einen Weihnachtsmarkt gehen kann, ohne von zwei Dutzend Filzkostümträgern in Cola-Cola-Farben angesprochen zu werden. An den wachsenden Säkularisierungsdruck gewöhnte Erwachsene mögen die fortschreitende Umdeutung des Weihnachtsgeschehens aushalten oder ignorieren oder beides. Was aber ist mit den Kindern?

Nachdem man mit etwas Glück und Geschick drei Weihnachtsmännern ausweichen konnte, versperrt schließlich eine Schlange am Glühweinstand jeden Fluchtweg. Es kommt unweigerlich zur Begegnung. „Weißt Du denn wer ich bin?“, fragt ein Rotmäntelchen mit weißem Rauschebart bemüht. Kinderaugen leuchten: „Der Nikolaus“. Da legt der Weihnachtsmann die Stirn in Falten, kramt vergebens in seinem kulturellen Gedächtnis und entgegnet mit der grenzenlosen Güte des voll durchsäkularisierten Gutmenschen: Er sei zwar der Weihnachtsmann, die Kleine bekomme aber trotzdem was. – Ach ja, Herr Huntington, der Kampf der Kulturen, er findet auf unseren Weihnachtsmärkten statt. Ist aber alles ganz nett gemeint.

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