„Kinder sind zum Spielball geworden“

Gerade in einer auf Wirtschaft und Leistung fixierten Gesellschaft brauchen Kinder die unbedingte Liebe von Mutter und Vater. Der Erlanger Bindungsforscher Ralph Dawirs spricht sich deshalb gegen die Trennung von Kleinstkindern von ihren Eltern aus – und fordert mehr Ehrlichkeit in der Kita-Diskussion. Von David Brehm
Foto: dpa | Die bedingungslose Liebe der Eltern ist die Grundlage für eine gesunde Entwicklung des Kindes. Einen Ersatz für diese Liebe gibt es nicht.
Foto: dpa | Die bedingungslose Liebe der Eltern ist die Grundlage für eine gesunde Entwicklung des Kindes. Einen Ersatz für diese Liebe gibt es nicht.
Herr Dawirs, vor kurzem wurden in Berlin die Ergebnisse der sogenannten IGLU-Lesestudie und die TIMSS-Mathematikstudie vorgestellt. Das Ergebnis lautete: Die deutschen Grundschüler schneiden im internationalen Vergleich überdurchschnittlich ab. Gleichwohl waren Überschriften zu lesen wie „Deutsche Grundschüler sind gut, aber nicht sehr gut“. Was verrät das über unseren Blick auf die Kinder?

In Deutschland sind hochgerechnet rund eine Million Schüler an allgemeinbildenden Schulen von Schulangst betroffen. Besonders Mädchen scheinen dafür schon in der Grundschule besonders anfällig zu sein. Sie nehmen zum Teil schon Schmerzmittel gegen die Symptome von Ängsten. In der Schule treffen sie außerdem auf Selektionsmechanismen. Nicht die Begleitung individueller Lebensläufe steht im Vordergrund, sondern der Übergang zu weiterführenden Schulen und dergleichen. Mit den Kitas etabliert sich nun noch eine Frühförderungshysterie. Kinder erfahren schon als Kleinstkinder, dass sie über ihre Leistung wahrgenommen werden, also nur bedingt geliebt werden. Das betrifft übrigens auch die Eltern. In Deutschland bekennen sich 800 000 berufstätige Erwachsene – die Dunkelziffer ist höher – dazu, Hirndoping zu nehmen, um den entsprechenden Anforderungen standzuhalten.

Auf der einen Seite will man den Kindern die bestmögliche Bildung ermöglichen und auf der anderen Seite arrangiert man sich mit der Einnahme von Medikamenten. Ist das nicht ein großer Widerspruch?

Ja, das ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Die Dynamik ist die: Wenn ein Kind etwa den Wirkstoff Methylphenidat verschrieben bekommt, ist es leistungsstärker als die anderen. Diese Benachteiligung ihres Kindes wollen viele nicht hinnehmen und besorgen sich das Mittel ebenso. Ähnliches kann bei Studenten beobachtet werden. In den USA zum Beispiel geht ein Viertel der Studenten gedopt in Prüfungen. Es ist ein riesen Cocktail unterwegs, der gesellschaftsfähig ist.

Mit Blick auf die Studie war zu lesen, dass ungefähr jedes fünfte Kind hinterherhinke. Kommt darin nicht der Gedanke zum Ausdruck, alle müssten gleich sein, alle müssten denselben Level erreichen?

Es geht um Leistung, Überleben in der Leistungsgesellschaft. Besonders bei Eltern, die 1,4 Kinder im Schnitt haben, bei 30 Prozent der Alleinerziehenden, wo Kinder oft Projekte sind, die gelingen müssen, fängt das Leid früh an. Das Thema ist doch: Was macht Kinder wirklich groß und stark? Die Vorstellung ein Kind müsse ein „Soll“ erreichen, ist total unmenschlich. Im Übrigen auch biologischer Unsinn.

Was meinen Sie mit „biologischem Unsinn“?

Die Stärke einer Population liegt in ihrer Vielfalt, in der Mischung sozusagen. Eine hohe Variabilität erlaubt es zum Beispiel, dass sich Umweltbedingungen ändern oder verschiedene Ansprüche auftreten, ohne dass alles ins Wanken gerät. Ebenso lebt eine demokratische Gesellschaft von der Spannung individueller Persönlichkeiten und wird durch diese stabil. Eine staatlich gesteuerte Erziehung hingegen zielt letztlich auf Normierung und bewirkt das Gegenteil. Wir müssen ertragen, dass wir unterschiedlich sind. Auch die Rede von der Chancengleichheit ist Augenwischerei. Das gibt es nicht. Nicht alle Menschen haben die gleichen Chancen. Das wäre unnatürlich.

Sie kritisieren Leistung als einen Anspruch, der an Kinder herangetragen und zunehmend auch zum Maßstab der Zuneigung wird. Gleichwohl würden Sie aber nicht eine maßstabslose Erziehung befürworten, oder?

Menschen erbringen gerne Leistung und haben Freude daran. Auch Kinder sind leistungsbereit und vergleichen sich gerne. Wenn sie aus dem Kleinkindalter draußen sind, von sich aus in die Gruppen gehen und sich sozial entwickeln, dann wollen sie sich messen. Nur so lernen sie, auch zu verlieren. Seinen Platz in der Gesellschaft finden, das muss man lernen. Wenn die Kinder jedoch früh Signale bekommen, du darfst nicht verlieren, dann bricht man den ureigenen Leistungswillen, den jeder Mensch mit sich bringt. Die Kinder gehen daran zugrunde, weil sie als Kinder vor allem die unbedingte Liebe brauchen. Eine Liebe, die nicht davon abhängt, welche Noten man bekommt, ob man Erster oder Letzter ist. Erst durch diese unbedingte Liebe erwacht die Bereitschaft, die eigene Leistungsbereitschaft einzusetzen.

Besteht eine Verbindung zwischen Ihrem Beruf als Forscher der Neurobiologie und ihrem Engagement in der Erziehung?

Es besteht keine direkte, kausale Beziehung. Das wäre ja Biologismus. Ich beteilige mich wie jeder andere an dieser Diskussion und betrachte das Problem aus der Richtung der Neurobiologie. So kann ich als Neurobiologe fragen, was ein Gehirn alles braucht, um sich gut zu entwickeln und daraus Schlüsse für die Erziehung ableiten. Im Gegensatz zur Biologie lässt sich zum Beispiel beobachten, dass viele staatlich organisierte Konzepte immer ein Konzept vom erwünschten Resultat her denken. Das ist total unbiologisch. Sie müssen immer vom Anfang her denken. Wenn sie am Anfang keine guten Grundbedingungen schaffen, dann ist alles danach mit einem großen Fragezeichen behaftet. So auch in der Erziehung: Wenn sie sich ihrem Säugling nicht zeitintensiv und emotional zur Verfügung stellen, dann entwickelt sich kein Urvertrauen. Das ist jedoch die Voraussetzung für eine spätere soziale Fähigkeit und emotionale Kompetenz. Diese Empfehlungen kann man ableiten von den Bedingungen, die ein Gehirn braucht, um sich gut zu entwickeln. Aber man kann keine Eins-zu-Eins-Schlüsse ziehen.

Ihre Erkenntnisse aus der Hirnforschung stehen in keinem Widerspruch zu Ihren Forderungen bezüglich der Erziehung?

Ja genau. Die Erkenntnisse sagen zum Beispiel: Wenn Kinder in Krippen leben, also in „emotionale Entbindungssituationen“ kommen, führt das zu einem hohen Risiko, dass die psychische Entwicklung einen ungünstigen Verlauf nimmt. Infolgedessen geht es bei der Krippendiskussion offensichtlich nicht um das Kindeswohl, sondern um wirtschaftliche Interessen. Die Kinder sind allerdings diejenigen, die darunter am meisten leiden. Sie haben ja keine Lobby. Die Kinder sind zum Spielball geworden. Jeder Einzelne muss sich fragen: Machst du da mit oder nicht?

Was fehlt Ihnen bei der Kita-Diskussion?

Ehrlichkeit. Die Ehrlichkeit zu sagen, worum es da wirklich geht. Es geht um den Hunger der Wirtschaft nach Arbeitskräften. Die Wirtschaft möchte, dass beide Elternteile arbeiten. Unabhängig davon, ob man das selber will – das muss natürlich jeder selbst entscheiden –, ist der staatlich geförderte Krippenausbau eine einseitige Bevorzugung des Lebensmodells Trennung von Kleinstkindern von ihren Eltern. Das muss aber nicht die einzige Alternative sein. Die 1500 Euro, die ein Krippenplatz pro Kind und Monat kostet, könnten genauso gut für eine Tagesmutter investiert werden, die dann nachhaltig als Bindungsperson zur Verfügung steht. Außerdem stellt sich die Frage: Wer kümmert sich mal um die Alten? Wer, der nicht früh Bindung und Liebe erfahren hat, entwickelt die nötige Empathie, um sich später um mich zu kümmern?

Was raten Sie den Eltern bei der Erziehung?

Locker bleiben. Das fängt an, wenn man Kinder bekommt, dass man nicht hysterisch reagiert, sondern sich zurücklehnt und auf das kommende Abenteuer einlässt. Diese Haltung gegenüber Kindern ist erfordert! Es gibt einen schönen Spruch von Karl Valentin, den ich auch als Biologe unterschreibe: „Wir können Kinder nicht erziehen, die machen uns doch eh alles nach“. Das ist der Sinn von Erziehung: das Nachmachen. Irgendwie verrät man sich bei Kindern immer, man kann nur authentisch vorleben. Und das geht bloß durch die Eltern oder feste Bindungspersonen.

Foto: priv. | Professor Ralph Dawirs ist Neurobiologe und arbeitet am Universitätsklinikum Erlangen. Er ist Mitgründer des Instituts für Bindungswissenschaften. Zuletzt erschien sein Buch „Riskante Jahre.
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