Kinder oder Currywurst

Zwischen Aachen und Höxter, Marktplatz und Schloss suchen die beiden Volksparteien CDU und SPD beim Wahlkampf-Endspurt in Nordrhein-Westfalen nach Inhalten. Von Stefan Meetschen
Foto: AM | Noch ein Blick aufs Handy, dann geht's los: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen beim Wahlkampftermin in Aachen
Foto: AM | Noch ein Blick aufs Handy, dann geht's los: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen beim Wahlkampftermin in Aachen

Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey hat große Pläne. Sein Schloss, die imposante Benediktinerabtei Corvey in Höxter soll, wenn es nach ihm geht, ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen werden. Vor dem Hintergrund der Antragstellung erwartet ihn hoher Besuch aus Düsseldorf. Die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, hat sich angekündigt. Ein seltener Gast, denn die Weser-Region liegt nicht nur dicht an der Grenze zu Niedersachsen, sie besitzt auch eine dichte CDU–Stammwählerschaft. Der ebenfalls bei leichtem Nieselregen auf Kraft wartende SPD-Landtagskandidat Jürgen Unruhe freut sich, dass für den anschließenden Kraft-Termin in der Stadthalle Höxter 200 Anmeldungen vorliegen.

Dann ist es soweit. Der Himmel klart auf, die Sonne bricht durch und die Landesmutter erscheint mit ihrem Tross. Dunkelblaue Businesshose, hellblaues Sakko. Gut gelaunt lauscht sie den Begrüßungsworten. Der Herzog ist in seinem Element. Familien- und Schlossgeschichte im Schnelldurchgang. Immerhin war Corvey eines der bedeutendsten karolingischen Klöster. „Ein europäisches Zentrum für Mission.“ Eine Festung, aus der zahlreiche Bischöfe hervorgingen.

Beim Gang durch den Westchor und die Kapelle hört Kraft weiter zu. Auch der katholische Geistliche Ludger Eilebrecht und verschiedene Historiker haben ihr viel zu berichten. Klappt der Antrag, wäre Corvey das fünfte Kulturerbe in NRW, das erste in Westfalen. Das ist ein gemeinsames „Vater Unser“ wert, das hier in dieser personalen Besetzung eine ganz neue Bedeutung erhält. „Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. Amen.“ Auch die Landesmutter bekreuzigt sich.

Vor dem mit den Worten „Klar und wahr“ verzierten Denkmal des Dichters Hoffmann von Fallersleben („Deutschlandlied“), der in Corvey als Bibliothekar arbeitete, gesteht Kraft gegenüber dieser Zeitung, dass der eigentliche „Wahlkampf-Stress“ schon hinter ihr liege. „All die Fototermine für Plakate und Broschüren.“ Jetzt sei Zeit für den direkten Kontakt mit den Menschen, der Kraft spürbar liegt. Ganz ungezwungen natürlich, fast harmlos wirkt die mächtigste Frau des größten deutschen Bundeslandes, als sie dies sagt. In der Stadthalle Höxter wird sie nur eine kurze Ansprache halten, kein „Frontalunterricht“ sei geplant, stattdessen freundliches von Tisch-zu-Tisch-rücken. Den Vorwurf, dass ihr bisheriger Wahlkampf („Currywurst ist SPD“, „NRW im Herzen“) bisher ziemlich inhaltsleer gewesen sei, weist sie jedoch scharf zurück und bietet ein Panorama ihrer Themen. Klassische SPD-Ideen zu Bildung, Wissenschaft und Familie. Wo natürlich auch das Thema Betreuungsgeld nicht fehlen darf. Die SPD lehnt es weiterhin strikt ab, Kraft auch. Für den Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey gibt es dann noch den freundlichen Hinweis, dass „Kulturpolitik in Nordrhein-Westfalen eher eine Sache der Kommunen“ sei. Hat nicht auch schon der verstorbene Johannes Rau zu seiner Zeit als Ministerpräsident von NRW andere Prioritäten gesetzt als die Kultur? Der Herzog mit der Kraft der Jahrhunderte im Rücken hebt das Haupt. Entschlossener Blick. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die Antragstellung geht weiter.

Ortswechsel. Aachen. Die alte Kaiserstadt, dicht an der holländischen Grenze. Auch hier viel karolingischer Baustoff, der aber schon von der UNESCO akzeptiert wurde, auch hier wartet man am Montagnachmittag auf eine Frau mit Businesshose und Sakko: Die Kanzlerin, die mit dem CDU-Spitzenkandidaten Norbert Röttgen auf dem Marktplatz eine Rede halten wird. Unterstützt von einer Tanzformation und altmodischen Dixie-Klängen plaudert der frühere NRW-Innenminister, Armin Laschet, ein Aachener Urgestein, das auch gerne Spitzenkandidat geworden wäre, derweil mit verschiedenen Landespolitikern über die tolle Stimmung im CDU-Wahlkampf. Derart lustig und siegesgewiss, dass man froh ist, als Punkt 17 Uhr zu donnernder Techno-Musik die Kanzlerin und ihr tatsächlicher Spitzenkandidat einlaufen. Aufzug der Superhelden. 2 000 neugierige Aachener, darunter überwiegend CDU-Anhänger, jubeln enthusiastisch.

Was zumindest im Fall von Norbert Röttgen ein wenig merkwürdig wirkt. Schließlich hat der Umweltminister in Merkels Kabinett bisher eher durch Abwesenheit in Nordrhein-Westfalen geglänzt. Was von seinen bisherigen Attacken auf die Schuldenpolitik von Rot-Grün hängengeblieben ist, war, dass er selbst keinen Sparvorschlag präsentiert hat. Ansonsten hat Röttgen im „Focus“-Interview mit der Idee, die Pendlerpauschale in NRW anheben zu wollen, für parteiinterne Irritationen gesorgt.

Bei seiner Rede auf dem Aachener Marktplatz gibt sich Röttgen kämpferisch. Ins Federboa-Mikro ruft er: „Kinder brauchen keine Schulden! Wir wollen eine solide Politik machen!“ Brav steht dazu ein kleiner Junge im Publikum auf und reckt ein „Norbert Röttgen Wählen!“-Plakat in den bewölkten Aachener Himmel. Die Welt mit den Augen der Kinder sehen, ein Lieblingsthema des Wahlkämpfers Röttgen, der von pöbelnden Jugendlichen jenseits der CDU-Fan-Meile immer wieder unterbrochen wird. „Heul doch!“ schreit jemand, als der grau-melierte Politiker mit sentimentaler Stimme die Verdienste früherer Generationen lobt.

Mehr bei sich selbst ist der intellektuelle Technokrat Röttgen beim Thema Schattenkabinett. Der parteilose Aachener Hochschulprofessor Günther Schuh soll Wissenschaft- und Wirtschaftsminister werden, Laschet dürfte als Innen- und Demographie-Minister an frühere Erfolge anknüpfen. Dafür flammt von der CDU-Anhängerschaft lauter Applaus auf.

Dann geht die Kanzlerin ans Rednerpult. Entschlossener Blick, die Menge im Visier. Sie sei gerne in Aachen, sagt die Karlspreisträgerin des Jahres 2008 und erinnert an ihre Auszeichnung. Erst wenige Stunden zuvor hat Merkel mit den Chinesen die Hannover-Messe eröffnet. Sie betont die „Schlüsselrolle“ von NRW in Deutschland und in Europa und gesteht, rhetorisch geschickt, ihre internationale Verlegenheit, wenn man auf dieses von Rot-Grün „so schlecht regierte Bundesland“ zu sprechen komme. „Der Haushalt ist nicht solide, er ist nicht einmal verfassungskonform. Wie soll ich da anderen in Europa Tipps geben?“ NRW also nicht Currywurst, sondern griechischer Wein? Aus Sicht von Merkel schon. „Nordrhein-Westfalen ist das Nein zum Fortschritt!“, schimpft die Kanzlerin mit erboster Stimme und zur freudigen Empörung ihrer Anhänger. Wobei sich, Merkel ist Optimistin, dieses Nein unter Norbert Röttgen als Ministerpräsident natürlich in ein europaweit glänzendes Ja verändern könnte. Applaus. Zum Dank erhält die Karlspreisträgerin von den Aachener Gastgebern diesmal eine großflächige Printe. Stoff zum Knabbern, falls es mit dem Wechsel doch nicht klappen sollte. Am 13. Mai wird das Ergebnis, frei nach von Fallersleben, klar und wahr vorliegen.

Hintergrund: Fast zwei Jahre gab es in NRW eine rot-grüne Minderheitsregierung. Die Opposition drohte den Haushaltsentwurf zurückzuweisen. Ein Novum. Mit dem Ergebnis: Haushalt gescheitert. Die Folge: Neuwahlen. Derzeit liegt die SPD bei Umfragen vor der CDU. Würde an diesem Sonntag gewählt werden, käme die SPD laut Emnid auf 38 Prozent, die Christdemokraten auf 32 Prozent. Die Grünen nur auf 10 Prozent, deutlich weniger als bei der Landtagswahl (12,1 Prozent). Die Piratenpartei kommt in der neuen Umfrage in NRW auf 9 Prozent. Mit genau fünf Prozent würden auch die Liberalen derzeit den Einzug in den Landtag schaffen. DT

Themen & Autoren

Kirche