Kiew: Präsident sucht „Weisheit der Kirche“

Ukraine in der Phase der Regierungsbildung – Sonderpolizei „Berkut“ aufgelöst – Widerstand formiert sich auf der Krim
Foto: dpa | Euphorischer Empfang: EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton umarmte die aus der Haft entlassene frühere Ministerpräsidentin Julia Timoschenko in Kiew.
Foto: dpa | Euphorischer Empfang: EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton umarmte die aus der Haft entlassene frühere Ministerpräsidentin Julia Timoschenko in Kiew.

Kiew (DT/dpa/KAP) Die internationale Gemeinschaft, allen voran die EU, macht Finanzhilfen für die Ukraine von der neuen Regierung und ihrem Reformprogramm abhängig. Interimspräsident Alexander Turtschinow ernannte sich selbst per Dekret zum neuen Oberbefehlshaber über die ukrainischen Streitkräfte. Die Wahl eines regulären neuen Präsidenten ist für 25. Mai angesetzt. Der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko hat seine Kandidatur angekündigt. Ob die aus der Haft entlassene Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko an der Wahl um das Präsidentenamt teilnimmt, ist wieder offen. Sie will sich im März wegen eines Bandscheibenvorfalls in Deutschland behandeln lassen. „Jetzt weiß man eben noch nicht, ob sie eine politische Position anstreben wird“, sagte ihre Tochter Jewgenija Timoschenko im ARD-Morgenmagazin. Ihre Mutter habe mit der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton nicht nur über Wirtschaftshilfe des Westens für die Ukraine gesprochen, sondern auch über die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen für die Gewaltexzesse vor dem Machtwechsel.

Das Innenministerium in Kiew teilte am Mittwoch mit, dass die wegen blutiger Übergriffe auf Demonstranten in die Kritik geratene Sonderpolizei Berkut (Steinadler) aufgelöst worden sei. Wo sich der abgesetzte Staatschef Wiktor Janukowitsch aufhält, war weiter unklar. Seine Vorgänger Leonid Krawtschuk, Leonid Kutschma und Wiktor Juschtschenko zeigten sich in einer Erklärung besorgt über die Lage auf der Halbinsel Krim. Sie forderten Russland auf, sich nicht in das Leben der Autonomen Krim-Republik einzumischen. In Sewastopol, dem Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte, richteten moskautreue Kräfte Grenzposten an den Zugängen zur Stadt ein. Dort übernahm nach einer Straßenabstimmung der Russe Alexander Tschalyi das Bürgermeisteramt. Russische Politiker reisten auf die Krim, um die Lage zu sondieren. Übergangspräsident Turtschinow dankte den Religionsführern des Landes für die geistliche Unterstützung der Protestbewegung. Seelsorger verschiedener Glaubensgemeinschaften hätten auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz den Demonstranten in schwieriger Zeit beigestanden, sagte Turtschinow am Dienstag bei einem Empfang für Vertreter von Orthodoxen, Katholiken, Protestanten, Muslimen und Juden. Der Mut und die Größe der Menschen seien „zweifellos das Verdienst der Kirche“. Zugleich betonte er, „die Weisheit der Kirche“ solle beim Wiederaufbau des Staates und der Wirtschaft helfen und das Land auf den Weg zu einem „wohlhabenden und normalen Leben“ führen. „Die Menschen sollten erkennen, dass Korruption und Blutvergießen die Folgen der Seelenlosigkeit sind, die die tragischen Ereignisse in der Ukraine verursacht hat“. Turtschinow sprach sich für regelmäßige Treffen mit dem Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften aus.

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