Kerry: Assad soll Chemiewaffen aushändigen

Al-Nusra-Rebellen erobern traditionsreichen christlichen Wallfahrtsort in Syrien – Großmufti beklagt Schändung von Kirchen

London/Damaskus (DT/dpa/KAP) Der syrische Präsident Assad könnte nach den Worten von US-Außenminister John Kerry einen US-Militärschlag verhindern, wenn er binnen einer Woche seine chemischen Waffen der internationalen Gemeinschaft aushändigen würde. „Sicher, er könnte jedes einzelne Stück seiner chemischen Waffen der internationalen Gemeinschaft innerhalb der nächsten Woche übergeben, es übergeben ohne Zeitverzug, und eine vollständige und völlige Erfassung erlauben. Aber er ist nicht im Begriff, das zu tun, und es ist offensichtlich auch nicht möglich“, sagte Kerry am Montag bei einer Pressekonferenz mit seinem britischen Amtskollegen William Hague in London.

Kerry ließ keinen Zweifel daran, dass Washington Assad für den Einsatz von Chemiewaffen verantwortlich macht. „Wir wissen, wo die Raketen herkamen und wo sie einschlugen“, sagte er. Das Regime habe dann versucht, mit einem viertägigen Beschuss die Spuren zu verwischen. Kerry wies aber erneut darauf hin, dass ein Militärschlag alleine die Probleme in Syrien nicht beheben könne. „Es gibt keine militärische Lösung“, sagte er. Assad müsse an den Verhandlungstisch gezwungen werden mit dem Ziel, eine Übergangsregierung in Syrien zu installieren. UN-Experten haben bisher in der Nähe von Damaskus nach Spuren des vermuteten Angriffs mit Giftgas am 21. August gesucht. Das Laborergebnis liegt noch nicht vor.

Der israelische Friedensaktivist Uri Avnery hat vor einem Militärschlag gegen Syrien gewarnt. „Ich glaube, jede militärische Einmischung ist äußerst gefährlich“, sagte Avnery, der an diesem Dienstag seinen 90. Geburtstag feiert, in einem dpa-Interview. Für Assad könne es dann „vorteilhaft erscheinen, Israel anzugreifen und damit den syrischen Bürgerkrieg in einen arabischen Krieg gegen Israel zu verwandeln“.

Die Einwohner der mehrheitlich christlichen Stadt Maaloula in Syrien fürchten das Schlimmste, nachdem ihr historisch bedeutsamer Heimatort am Samstagabend von der mit al-Kaida verbundenen Rebellengruppe Al-Nusra erobert wurde. Maaloula, eine Bergstadt mit 2 000 Einwohnern, ist einer der wenigen Plätze der Welt, in denen Aramäisch, die Sprache von Jesus und seinen Jüngern, gesprochen wird. Nach Berichten der US-Agentur AP und des US-Senders ABC marschierten zwei Rebellengruppen am Samstagabend in Maaloula ein. Der Eroberung waren heftige Kämpfe mit der Regierungsarmee vorangegangen.

Am Sonntag startete die Regierungsarme eine Offensive zur Rückeroberung der Stadt, berichtete die Moskauer Agentur RIA-Nvosti am Montag. „Wir werden die Stadt befreien“, teilte der Befehlshaber der Operation mit. Nach seinen Worten wird die Offensive dadurch erschwert, dass die Armee kein Feuer aus Panzern und Artillerie eröffnen dürfe, um die historischen Kirchen nicht zu beschädigen. Nach Angaben des Militärs befinden sich 2 000 Dschihadisten von Al-Nusra und Liwa-al-Islam in der Stadt. Ihre Scharfschützen haben sich unter anderem im Kloster der Heiligen Thekla verschanzt. Die Islamisten hatten am Donnerstag begonnen, den Wallfahrtsort Maaloula anzugreifen. Am Samstag fiel er unter ihre Kontrolle. Nach Armeeangaben haben die Zivilisten am Samstag die Stadt größtenteils verlassen. Maaloula ist für seine Kirchen und Höhlenklöster aus den ersten Jahrhunderten des Christentums berühmt. Der Ort ist einer der wichtigsten christlichen Pilgerorte Syriens.

Bei landesweiten Gottesdiensten machten die Christen im Libanon am Sonntag auf die gefährliche Situation ihrer Glaubensgenossen in Maaloula aufmerksam. Die Kirchen riefen zum Gebet für die christlichen Bewohner der historisch bedeutenden Ortschaft auf. Nach Angaben der Agenturen „Fides“ und „Asia News“ rissen Dschihadisten nach dem Einmarsch in Maaloula das Kreuz von der Kuppel des Sergius- und Bacchus-Klosters herunter. Ikonen wurden verbrannt, Kirchentore mit Maschinenpistolen durchlöchert. Russlands Außenministerium erinnerte am Wochenende in einer Erklärung daran, dass Maaloula „ein Symbol der christlichen Präsenz in Syrien“ sei.

In Damaskus war am Samstag beim Gebet in der Omajjaden-Moschee, zu dem Großmufti Ahmed Bader Hassoun in Übereinstimmung mit der Friedensinitiative von Papst Franziskus eingeladen hatte, Solidarität „mit den tragischen Ereignissen von Maaloula“ zum Ausdruck gebracht worden. Der syrische Großmufti sagte, niemand hätte gedacht, dass es in Syrien so weit kommen würde, „dass Kirchen und Symbole des Christentums geschändet werden“.

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