„Keinen ausreichenden Zugang“

Prälat Peter Neher, Präsident der deutschen Caritas, fordert eine bessere Teilhabe von Armen im Gesundheitssystem. Von Clemens Mann
Foto: Caritas | .
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Herr Prälat Neher, die neue Jahreskampagne der Caritas steht unter dem Motto „Armut macht krank“. Worauf wollen Sie im besonderen aufmerksam machen?

Jeder kennt Armutssituationen und viele sind über Bedingungen der gesundheitlichen Vorsorge informiert. Aber die Verbindung zwischen Armut und der Gesundheit ist vielen so nicht bewusst. Mit der Kampagne will die Caritas auf diesen Zusammenhang aufmerksam machen. Wir wissen, dass es in Deutschland ein gut ausgebautes Gesundheitssystem mit einer hohen Qualität gibt. Und dennoch gibt es Gruppen, meist Menschen in Armutssituationen, die keinen ausreichenden Zugang zum System haben.

Welche Personen und Gruppen meinen Sie da im Besonderen?

Dies gilt beispielsweise für langzeitarbeitslose Menschen. Es sind aktuell rund 400 000 bis 450 000 Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Perspektive haben. Diese Situation ist sehr belastend. Sie erkranken doppelt so häufig wie Erwerbstätige, sie sind doppelt so oft im Krankenhaus und sie bleiben auch zweieinhalb Mal so lange dort. Besonders betroffen sind auch wohnungslose Menschen. Im vergangenen Jahr hatten circa 250 000 Menschen in Deutschland keine Wohnung und über 100 000 waren von Wohnungslosigkeit bedroht; etwa 20 000 Menschen leben auf der Straße. Männliche Obdachlose haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 46 Jahren, das sind 30 Jahre weniger als bei Männern in normalen Lebensverhältnissen. Das zeigt die Problematik sehr deutlich. Sehr schwer haben es auch Menschen in aufenthaltsrechtlicher Illegalität. Deren Situation hat sich zwar im letzten Jahr etwas verbessert, dennoch gehen viele aus Sorge, sie werden den Behörden gemeldet und damit abgeschoben, nicht zum Arzt.

Welche politischen Forderungen haben Sie?

Wir setzen uns beispielsweise dafür ein, dass die Praxisgebühr abgeschafft wird. Es hat sich gezeigt, dass sie keine steuernde Wirkung für Arztbesuche hat – und das war ja die Idee bei der Einführung. Wir stellen jetzt aber fest, dass sie Menschen, die sich in einer schwierigen finanziellen Situation befinden, davon abhält, den Arzt rechtzeitig aufzusuchen. Das gleiche gilt für die Befreiungsregelungen bei Zuzahlungen für Medikamente und Heilmittel: Das muss unbürokratischer gestaltet werden. Es müssen auch Lösungen gefunden werden, wie bessere Zugänge zur Gesundheitsversorgung für Menschen in prekären und schwierigen Lebenslagen überhaupt geschaffen werden können.

Mit derartigen Einzelmaßnahmen wird man aber die Defizite im System nicht lösen können...

Wir stehen am Anfang der Kampagne. Wichtig ist uns im ersten Schritt, den fatalen Zusammenhang von Armut und Krankheit deutlich zu machen. Im Laufe des Jahres werden wir immer wieder Akzente setzen, um dieses vielschichtige Thema zu verdeutlichen. So setzen wir uns nach wie vor für ein Präventionsgesetz ein, das bereits vor Jahren angedacht wurde. Vorsorge ist nämlich immer besser als Nachsorge. Deshalb sollten sich schon Kinder und Jugendliche frühzeitig mit Gesundheitsthemen beschäftigen. Gesundheit hat ja etwas mit dem Bewusstsein, mit einer Gesamthaltung zu tun. Dies auch in der öffentlichen Debatte deutlich zu machen, ist auch ein Anliegen der Kampagne. Entscheidend ist aber, wie es besser gelingt, von Armut betroffenen Menschen Zugang und Teilhabe am Allgemeingut Gesundheit zu geben.

Dient die Kampagne auch dazu, um bei eigenen Einrichtungen Defizite zu beheben?

Selbstverständlich. Wir haben einen doppelten Fokus: in Richtung Öffentlichkeit und Politik und auf unsere Einrichtungen und Dienste. Inwieweit schaffen wir zum Beispiel einen niedrigschwelligen Zugang? Es gibt viele Krankenhäuser, die hier sehr gute Arbeit machen und auch Patienten behandeln, die keinen Krankenschein haben. Aber die Frage, ob die Form der Behandlung, des Umgangs und auch der Wertschätzung von Menschen in prekären Lagen immer gut und angemessen ist, stellt sich natürlich auch bei uns. Das ist eine Frage der eigenen Glaubwürdigkeit.

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