„Keine Zukunft ohne Herkunft“

Ein Interview mit Wolfram Weimer über die Renaissance des Konservativismus und dessen christliche Wurzeln. Von Sebastian Sasse
Wolfram Weimer / Focus
Foto: privat | Wolfram Weimer ist Verleger und Publizist. Er ist Gründer des Polit-Magazins "Cicero" war Chefredakteur der "Welt"und des "Focus".

Herr Weimer, Alexander Dobrindt fordert eine „konservative Revolution“. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass die Öffentlichkeit so intensiv wie schon lange nicht mehr darüber diskutiert, was denn unter einer konservativen Haltung eigentlich zu verstehen sei. Wie erklären Sie sich diese Renaissance?

Wir erleben eine neo-konservative Zeitenwende. Es ist ähnlich wie 1968, nur schlägt 50 Jahre später das zeitgeistige Pendel mit weiten Schwüngen eben genau in die andere Richtung. Die wilde Raserei der Globalisierung lässt überall Entschleunigungsreflexe wach werden, von der Retrokultur bis zur Nachhaltigkeitssehnsucht. Darum kehren die großen Themen des Menschseins von der Religion über die kulturelle Identität bis zu Familie und Heimat mit dieser Wucht zurück in das Massen-Bewusstsein und prägen zusehends Politik. Den Menschen geht es nicht mehr so sehr um Materialismus, es geht ihnen um Sinn und Geborgenheit. Und sie spüren – es gibt keine Zukunft ohne Herkunft. In allen europäischen Staaten erlebt daher die Frage nach Identität ein großes Comeback. Allenthalben fordert das Bürgertum eine politische Hinwendung zu Sicherheit, Recht, Familie, Heimat und einer bürgernäheren, liberaleren Staatsidee. Die sozial-paternalistischen Fürsorgestaaten der Parteienoligarchien werden tiefer hinterfragt. Man kann darin auch einen freiheitlichen Demokratie-Impuls sehen, wenn immer mehr Menschen sich gegen staatliche oder parteiliche Bevormundung wehren. Auch das öffentlich-rechtliche Mediensystem gerät darum in vielen Ländern Europas nun unter Druck.

Das Comeback des Konservativen hängt aber auch eng mit dem Niedergang des sozialistischen Gedankensystems zusammen. Die linke Gedankenwelt wirkt ausgebrannt und versteinert. Gefühlt gestrig wie Telefonzellen in einer digitalen Mobilfunkzeit. Linke Ideologie erinnert viele Menschen im besseren Fall an zeigefingernden Etatismus und bürokratische Übersteuerung. Im schlechteren Fall wittert man „Die-Partei-hat-immer-Recht“-Betondenker, sozialistischen Stacheldraht und Unterdrücker von Venezuela bis Nordkorea.

Konrad Adenauer gilt als Konservativer, Helmut Kohl auch. Aber Alfred Hugenberg ebenfalls. Diese Personen haben ganz unterschiedliche Ziele verfolgt – ist es trotzdem angemessen, sie alle unter der Überschrift „konservativ“ zu fassen?

Mir ist von diesen Konrad Adenauer am liebsten. Er konnte nicht nur als Person Würde und Werte in besonderer Weise verkörpern. Für mich ist bei ihm auch eine Grundüberlegung des Konservativen exemplarisch nachzuvollziehen: Das wahre Konservativsein ist nämlich nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt. In dieser Haltung hat das Adenauer-Deutschland aus den Trümmern der Stahlgewitter auch ein Haus der Ehre neu erbaut. Ja, das ging zuweilen über das kleine Karo bürgerlicher Normen und Regeln. Aber gerade dieser kleinen Moralität wuchs gegenüber der großmäuligen Selbstgefälligkeit eine besondere Würde zu.

Die geschmähte Bonner Republik brachte den Deutschen nicht bloß den größten Wirtschaftswunder-Wohlstandsschub ihrer Geschichte. Zum ersten Mal formierte sich eine sozial verfasste Gesellschaft, ein Wohlfahrtsstaat, der seinesgleichen suchte. Man integrierte Millionen Vertriebener und Flüchtlinge und achtete auf sanften Ausgleich nach innen wie nach außen.

Dieses Adenauer-Deutschland versöhnte sich mit allen Nachbarn und legte den Grundstein für ein neues Europa – die beste Idee, die man auf diesem geschundenen Kontinent seit Generationen hatte. Nach den Zarathustras schufen just die „konservativen Adenauer-Spießer“ der Bonner Republik ein Deutschland, wie wir es noch nie hatten. Gerade das Bürgerlich-Christliche daran war sein guter Kern. Der vermeintliche Mief dieser Bescheidenheit duftet im Nachhinein nach wahrer Größe.

Vielfach stellt sich in der öffentlichen Debatte der Eindruck ein, dass die Selbstbezeichnung „konservativ“ als eine Art Ausweichbegriff genutzt wird. Man will nicht „rechts“ sagen. Ist Konservativismus aber wirklich rechts?

Nein, da gibt es wesentliche Unterschiede. Die neue Rechte in Europa bedient sich häufig Ressentiments, Autoritarismus oder Nationalismus. Das ist dem Wertkonservativen zuwider. Er achtet Toleranz, die Menschenwürde, ist Europäer und womöglich Patriot. Im Gegensatz zum Nationalisten liebt der Patriot seine Heimat zwar, verachtet aber die Heimaten der anderen nicht. Man sollte daher den Wertkonservativismus nicht ruppigen Rechten überlassen. Mein Buch wird wertkonservativen Menschen vieler Parteien gefallen.

Der Konservative denkt – anders als viele Rechte – so: Das Individuum ist früher da als die Gesellschaft oder die Nation. Das Individuum ist zeitgleich der finale Bezugspunkt, um den es bei Gesellschaft immer gehen sollte – am Individuum entscheidet sich die Qualität einer Gesellschaft. Der Konservative denkt die Gesellschaft vom Einzelnen zum Ganzen, subsidiär, er steht der Masse, der Klasse oder Rasse und ihrem potenziell autoritären Charakter prinzipiell skeptisch gegenüber. Er sieht im vernünftigen Einzelnen – der „gesunde Menschenverstand“ ist eine Lieblingsvokabel aller Konservativen – gar eine Gewähr vor Extremen und Fanatismen.

Die meisten politischen, auch rechte Ideologien denken genau andersherum, sie betrachten das Individuum skeptisch, wähnen es egoistisch oder gefährlich und setzen auf Kollektivismus zu seiner Einhegung; sie vertrauen nicht dem gesunden Menschenverstand, sondern übergeordneten Ideen. Kommunismus, Sozialismus, Nationalismus, Nationalsozialismus oder Islamismus. Sie alle gehen von einer Gruppe, einer Klasse, Rasse, einer Umma – einem Kollektiv aus, das letztlich wichtiger sei als der Einzelne. Sie denken nicht in Kategorien von Würde des Einzelnen, sondern von Gerechtigkeit oder Erfolg oder Bestimmung einer Gesellschaft.

Sie führen in Ihrem Buch ja den Begriff der „neuen Bürgerlichkeit“ ein. Was verstehen Sie darunter und warum könnte sie für Konservative zu einer Orientierungsmarke werden?

Zuverlässigkeit, Ordnungsliebe, Sauberkeit, Höflichkeit wurden als „Sekundärtugenden“ diffamiert, so etwa von Oskar Lafontaine 1982 in einer Attacke auf Helmut Schmidt: „Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“ Die deutsche Linke wollte die vermeintlich überholten preußischen Erziehungsziele über Bord werfen und durch einen neuen Wertekanon ersetzen, insbesondere durch Ziele wie Selbstbestimmung, Konfliktfähigkeit, Nonkonformität, Gleichberechtigung, Emanzipation und Solidarität. Die neue Bürgerlichkeit aber achtet plötzlich Tugenden wieder als ethische Facon ihres Lebens. Sie folgt intuitiv der aristotelischen Erkenntnis, dass Tugenden den Weg zu einem geglückten Leben ebnen. Damit kommen konservative Werte wie etwa Familie oder Treue nach den Umfragen aller Jugendstudien plötzlich wieder in Mode. Auch Fleiß und Arbeit sind wieder kraftvolle Bezugsfelder der neuen Bürgerlichkeit. Die neue Generation hat wieder ein positives Verhältnis zur Arbeit, zum Wirtschaften und zum Wohlstandsgewinn. Thomas Mann beschrieb diese positive Grundhaltung des deutschen Bürgertums einmal mit „sie sind verliebt ins Gelingen“.

Aber selbst sehr alte Kategorien erleben ein erstaunliches Comeback. Die Demut zum Beispiel. Sie ist eine Provokation für das Selbstverständnis des modernen, vorrangig selbst-bewussten Menschen: Der Demütige ist dienend, nicht weil er keine andere Wahl hätte, sondern weil er es für richtig hält. Die Aufklärung entriss den Menschen der himmlischen Hand Gottes und damit seiner existenziellen Hinwendung zu einer Demut vor Gott. Nietzsche diffamierte die Demut gar als Sklavenmoral, als Haltung eines kriechenden Wurms, der nichts anderes im Sinn habe, als nicht getreten zu werden. Moderne Emanzipationsbewegungen betonten eher die Autonomie des Einzelnen als den Mut jemandem anderen zu dienen. Die Demut ist seither unpopulär geworden. Doch das Wort kehrt plötzlich wieder in den öffentlichen Sprachgebrauch zurück.

Welche Bedeutung hat Ihrer Einschätzung nach das Christentum für den Konservativismus?

Wir stehen vor einer großen Überraschung: Das 21. Jahrhundert wird ein Zeitalter der Religion. Gott kehrt zurück, und zwar mit Macht. Nicht nur als philosophische Kategorie, revitalisierte Tradition, theologische Überzeugung oder spirituelle Kraft. Er kommt mitten hinein in den politischen Raum. Ob wir es mögen oder nicht – wir gehen gerade vom postmodernen ins neoreligiöse Zeitalter. Sigmund Freund diagnostizierte den Gottesmord zutreffend als die große „Kränkung“ der Moderne. Das 20. Jahrhundert und seine Gott verachtenden Ideologien dokumentierten das schließlich mit pathologischer Brutalität. Am Ende besorgten der Alltags-Atheismus und die Vergesslichkeit eines materialistischen Zeitalters den Rest. Doch nun geschieht das Unerwartete: Gott kehrt plötzlich zurück. Die Religion erlebt rund um den Erdball eine Renaissance, die kaum ein Europäer für möglich gehalten hatte. Die neue und aggressive Vitalität des Islam ist dabei nur die sichtbarste Entwicklung. Das 21. Jahrhundert wird wohl auch uns Europäer lehren, dass das Agnostische nicht das Ende der Geschichte ist. Die ganze Idee Europas ist eine reine Frucht vom Baum des Christentums. Unsere Mythen, unsere Ethiken, unsere Metaphern, unsere Architektur, unser Freiheitsbegriff rekurrieren immer auf die jüdisch-christliche Religion. Ein ums Christentum „befreites“ Europa ist gar kein Europa mehr. Denn just die Religion webt Europas Kleid des Unterbewusstseins. Insofern bedeutet ein Comeback des religiösen Bewusstseins automatisch eine Wiederkehr des Kulturbewusstseins. Das ist – nach Phasen der kulturellen Regression, der Infantilisierung und systematischen Geschichtslosigkeit – keine schlechte Aussicht. Das neue Heimweh nach Gott stillt man, indem man ihm wieder entgegengeht. Der Konservative wird sich selber daher nur finden, wenn er bis zur untersten Tiefe seiner eigenen Prinzipien hinabsteigt und aus dieser seiner alten Brunnenstube religiöses Wasser herausholt. Das „C“ ist der Anker konservativen Denkens und die katholische Kirche ist eine heilige Heimat für sehr viele konservativ denkende Menschen. Ich würde mir daher wünschen, dass die katholische Kirche weniger politischer Verein oder weltliche NGO ist, sondern ihren spirituellen Kern heiligt, liebt und lebt.

 

Hintergrund

Ein Buch passend zur Debatte:

„Konservatives Manifest“ (Plassen Verlag) heißt das neueste Werk von Wolfram Weimer. Der Publizist hat dort „zehn Gebote für eine neue Bürgerlichkeit“ aufgestellt. Er versteht sie als Handbuch und Leitfaden für alle diejenigen, die wissen wollen, was es heißt, konservativ zu sein. Dass diese Frage in der Tat viele im bürgerlichen Lager umtreibt, zeigte zuletzt der CSU-Politiker Alexander Dobrindt mit seiner Forderung nach einer „konservativen Revolution“, die der Union eine neue politische Schlagkraft verleihen solle. Allerdings zeigte die Debatte danach auch: Konservativen fällt eine Antwort auf diese Frage schwer; anders als die Linke sind sie solche programmatischen Theoriedebatten nicht gewöhnt. Weimer will nun diese Leerstelle füllen. Schon in der Vergangenheit hat der 53-jährige Publizist, der Gründungsherausgeber des Polit-Magazins „Cicero“ und Verleger des Debatten-Magazins „The European“ ist, immer wieder Debatten über das Selbstverständnis des bürgerlichen Lagers angestoßen.

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16.09.2021, 13 Uhr
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