„Keine Frage des Glaubens“

Klaus Töpfer, früherer Bundesumweltminister, ist von der Machbarkeit der Energiewende überzeugt von Teresa Dapp
Foto: dpa | Klaus Töpfer.
Foto: dpa | Klaus Töpfer.
Herr Töpfer, bei der Umsetzung der Energiewende tauchen zahlreiche Probleme auf. Schleppender Netzausbau, drohende Kostenexplosion, Streit um die Solarförderung. Glauben Sie noch an die Energiewende?

Das ist nicht eine Frage des Glaubens, sondern der wirtschaftlichen Rationalität und der demokratischen Entscheidung. Es ist unstrittig, dass das eine große, herausfordernde Aufgabe ist, die engagiertes Handeln erfordert. Ich bin immer wieder überrascht, wie der eine oder andere, der vor kurzem noch mit seiner Stimme im Bundestag das mitgetragen hat, jetzt zu gänzlich anderen Überlegungen kommt. Natürlich sage ich auch, das Jahr ist nicht sinnvoll genutzt worden. Und ich bin deswegen sehr froh, dass die Bundeskanzlerin gesagt hat, es sei das entscheidende Projekt für diese Legislaturperiode.

Ein Energieministerium als koordinierende Ebene - halten Sie das für sinnvoll?

Nein. Ich bin der Meinung, dass die Entscheidung gegen ein Energieministerium sehr weise und richtig ist. Ein neues Ministerium braucht viel Zeit, und es löst ja auch nicht die Konflikte. Jetzt geht es nicht darum, neue Regierungsstrukturen zu entwickeln, sondern darum, die vorhandenen Möglichkeiten entschlossen und gezielt anzugehen.

Welches sind in Ihren Augen jetzt die wichtigsten Aufgaben?

Energie aus Sonne und Wind wird in Deutschland bereits jetzt in so großen Mengen hergestellt, dass sie immer stärker Grundlast darstellt. Das heißt aber auch, dass wir für die Zeit, in der Sonne und Wind nicht hinreichend Energie erzeugen, sogenannte Ergänzungskapazitäten brauchen. Vornehmlich müssen das Gaskraftwerke sein. Dafür muss jetzt der wirtschaftliche Rahmen gesetzt werden. Denn wir können sie nicht wie bisher nur mit den Leistungen bezahlen, die dort erzeugt werden. Das werden an manchen Stellen nur einige hundert Stunden pro Jahr sein.

Die Rekordwerte bei der Solarstrom-Erzeugung könnten zu höheren Stromrechnungen führen. Ist das der Preis der Energiewende?

Vielleicht ist der eine oder andere der Meinung, dass vor der Energiewende Energiepreise konstant waren. In den letzten Jahren sind die Strompreise aber auch völlig ohne Energiewende um vier Prozent pro Jahr angestiegen. Und wer sieht, wie sich etwa unsere Abhängigkeit vom Öl an unseren Tankstellen bemerkbar macht, der weiß, wie sinnvoll es ist, durch Wind und Sonne unabhängiger und damit versorgungssicherer zu werden.

Wie stehen Sie zu den Plänen der Bundesregierung, die Solarsubvention zu kürzen?

Diese Quersubventionen über den Energiepreis sind auch bisher beständig gekürzt worden, und wir werden auch weiter durch technischen Fortschritt die Kosten senken und die Förderung zurücknehmen können. Die Frage ist nur, wie schnell man das macht. Ob es klug war, was die Bundesregierung eingebracht hat, das kann man infrage stellen. Als ich Bundesumweltminister war, da lag die Förderung fast bei 40 Eurocent pro Kilowattstunde, jetzt sind wir bei 15 Cent. Natürlich ist es gar keine Frage, dass neue Energien zunächst einer zusätzlichen Förderung bedürfen.

Was sind Ihre Erwartungen an die Umweltkonferenz in Rio in vier Wochen?

Wir haben schon bei der letzten Konferenz vor 20 Jahren großartige Programme verabschiedet, denken Sie an die Klimakonvention, an die Konvention zum Schutz der Artenvielfalt oder an die Agenda 21. Zu wenig Gedanken gemacht haben wir uns über verbindliche Zeitpläne und Zielsetzungen, und wie wir die Institutionen dafür schaffen können. Das muss bei der Konferenz Rio +20 besser geregelt werden. Es ist schon verdammt viel Zeit vergangen. Es wird eine schwierige Konferenz, aber deswegen macht man so etwas. Sonst wäre ja alles längst geregelt. DT/dpa

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