Damaskus

Kein Krieg mehr in Nahost?

Es gibt Anzeichen für einen Abzug iranischer Truppen aus Syrien. Eine Analyse.

Coronavirus - Iran
Der iranische Präsident Hassan Rouhani (Mitte) berät mit dem Corona-Krisenkabinett in Teheran. Foto: - (Iranian Presidency)

Der Markt an sogenannten „active measures“, Aktionen und Falschmeldungen mit dem Ziel, öffentliche Meinungen zu beeinflussen, ist in den letzten Jahren erheblich gewachsen. Das gilt auch im Fall Iran. Hier werden kaum Daten zur Corona-Krise erhoben. Aus Telefongesprächen mit Iranern und auch aus Erkenntnissen westlicher Geheimdienste sowie aus offen zugänglichen Publikationen ergibt sich ein dramatisches Bild. Seriöse Infektionszahlen sind nicht zu bekommen, Augenzeugen berichten aber von Massenbeerdigungen. Die Zahl der Opfer lässt sich nur schätzen, sie soll sich auf mehrere zehntausend belaufen. Die Folgen der Corona-Krise für das Regime markieren eine Zäsur, aktuell vor allem für die Außenpolitik. So berichtet zum Beispiel die Israel nahestehende und auf den Nahen und Mittleren Osten spezialisierte Nachrichtenagentur Metula News Agency über einen bevorstehenden Rückzug der iranischen Milizen und Truppen aus Syrien. Er habe auch schon eingesetzt. Die Nachricht ist plausibel. Corona wütet unter den Revolutionswächtern. Viele sind durch die Krankheit geschwächt und können in Syrien selbst kaum behandelt werden. Aber nicht nur die Kranken sollen in den Iran zurückkehren, auch Elite-Einheiten sollen zurückverlegt werden, weil man im Iran Hungeraufstände und Massendemonstrationen befürchtet.

Drei Faktoren: Corona, Sanktionen und Ölpreis

Hier kommen in der Tat die Folgen von drei Faktoren zusammen: Corona, Sanktionen, Ölpreis. Die Sanktionen konnte das Regime mit Schwarzverkäufen von Öl teilweise umgehen. Der gesunkene Ölpreis aber lässt sich nicht umgehen. Damit fehlt das Geld für Waffenkäufe und auch für das Sponsoring des Terrors, zum Beispiel der Hisbollah-Milizen, die ebenfalls in Syrien Diktator Assad unterstützt hatten. Zu den drei Faktoren der Schwächung kommt noch ein vierter, ebenfalls offen zu beobachtender Faktor hinzu: Die ständigen Angriffe der israelischen Luftwaffe auf Stellungen der Iraner in Syrien sowie auf Waffentransporte und -lager der Revolutionswächter auf syrischem Boden, zum Teil nur wenige Kilometer von Assads Präsidentenpalast bei Damaskus entfernt. Offensichtlich ist der israelische Geheimdienst über diese Transporte bestens informiert. Viel lässt sich auch über Satelliten beobachten, die aus dem Weltraum gestochen scharfe Bilder von Baumaßnahmen und Bewegungen an Flughäfen und in Kasernen liefern. Hochfliegende Drohnen vervollständigen die Aufklärung im Feindesland.

Westliche Sicherheitskreise weisen auch darauf hin, daß Israels Armee seit einigen Monaten eine offensive Strategie verfolgt, genannt „Momentum“, deren Ziel es ist, den Moment der Corona-Krise zu nutzen, um die iranischen Verbände zu zermürben und so aus dem Land zu treiben. Kopf dieser Strategie ist Generalstabschef Aviv Kokhavi, der im Schatten der Krise und somit der geringen Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit seit April wenigstens zweimal pro Woche Angriffe auf iranische Stellungen und Lieferungen fliegen lässt. Über den Rundfunk gab der noch amtierende Verteidigungsminister Naftali Bennett zudem seine Absicht kund, bis Ende des Jahres alle Iraner aus Syrien vertrieben zu haben. Die Verluste der Iraner und auch der Syrer sind bereits erheblich. Es heißt, Assad selbst sähe es gerne, daß die Iraner aus dem Land abziehen, um selber keine weiteren Verluste mehr zu erleiden. Das ergibt Sinn. Er braucht die Iraner nicht mehr. Die Aufstände sind bis auf kleinere Gebiete in Idlib niedergeschlagen und den letzten Widerstand hofft er mit Hilfe der russischen Bomber zu vernichten. Der Nachteil: Damit begibt er sich in die völlige Abhängigkeit von Putin. Das mag auch der Grund sein, weshalb die Russen die Israelis gewähren lassen.

Auswirkungen auf Israel

Der Rückzug der iranischen Verbände dürfte auch das Verhältnis Israels zu den arabischen Staaten weiter verbessern. Das umso mehr, als man vor allem in Riad hofft, dass die israelische und amerikanische Luftwaffe den Krisenzeitpunkt nutzen, um auch die Nuklearanlagen In Fodo und Natanz zu zerstören. Die Arbeiten in diesen Anlagen sind derzeit unterbrochen. Offensichtlich fürchtet das Regime einen Ausbruch von Corona in den weitgehend abgeschlossenen Arealen, was für die Atomexperten und Wissenschaftler insgesamt eine Katastrophe wäre. Aber auch für das Regime, denn Material lässt sich leichter besorgen als Köpfe mit Spezialwissen. Die Hoffnungen Riads richten sich auch auf eine Zerstörung der iranischen Kapazitäten für einen Cyber-Krieg. Das ist nicht abwegig. Ende April hatte der Iran einen Cyberangriff auf die Wasserinfrastruktur Israels gestartet, der zwar wenig Schaden anrichtete aber dazu führte, daß Israel seine Angriffe auf iranische Ziele intensivierte.

Es lässt sich eine gute Nachricht aus der Lage ableiten: Zu einem neuen Krieg in Nahost wird es auf absehbare Zeit nicht mehr kommen. Dafür ist der Iran zu sehr geschwächt und andere ernst zu nehmende Gegner gibt es für Israel im Moment nicht.

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