Kein Assimilierungsverbot

Und wieder ist sie länger geworden, die Liste der verbotenen Wörter. Assimilierung geht gar nicht. Politisch korrekt ist nur die Integration. Angestoßen wurde diese Debatte vom türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Assimilierung sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wirklich? Doch wohl nur dann, wenn sie unter Zwang erfolgt. Wie in der Türkei, wo ein maßloser und neurotischer Chauvinismus Kurden, Aleviten und Christen die angemessene Pflege eigener Sprache und Religion verwehrt. Davon kann in Deutschland nicht die Rede sein. Von gesetzlichen Germanisierungsmaßnahmen hat man bislang jedenfalls nichts gehört.

Abgesehen davon: Gilt Erdogans kultureller Imperativ – bewahre deine Kultur immer und unter allen Umständen – überhaupt? Müssen sich Kulturen sozusagen selbst unter Artenschutz stellen? Nein. Das ist schlicht unbegründet. Und sogar gefährlich. Denn es führt geradewegs in die Selbstghettoisierung. Und die gilt es gerade zu beenden.

Um es ganz deutlich zu sagen: Wer Integration will, fordert immer schon Assimilation. Beide verhalten sich zueinander wie das Mittel zum Zweck. Wo ein stabiles Ganzes hergestellt werden soll, geht das nur durch die Anpassung verschiedener Gruppen aneinander. Zu meinen, die Verständigung auf ein gesellschaftliches Wertefundament – Integration genannt – würde die Kultur der Einwanderer unberührt lassen, ist deshalb illusorisch. Niemand will ihnen Religion und Wurzeln nehmen. Doch wer – wie manche Türken – zum Beispiel die Ehre der männlich dominierten Großfamilie über die Selbstbestimmung des Einzelnen stellt, der wird sich schlicht anpassen müssen, will er dazugehören. Es ist wahr: Es gibt hierzulande keinen Assimilierungszwang. Da ist das Grundgesetz vor. Doch eben auch kein Assimilierungsverbot. om

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