„Katholizismus gilt als Götzendienst“

Rabbi Daniel Sperber meint: Jüdischem Extremismus muss theologisch das Wasser abgegraben werden. Von Oliver Maksan
Foto: Oliver Maksan | Rabbi Daniel Sperber.
Foto: Oliver Maksan | Rabbi Daniel Sperber.

Rabbi Daniel Sperber lehrte viele Jahre an der Bar-Ilan-Universität jüdische Studien und ist Verfasser zahlreicher theologischer Bücher. Er wird dem Spektrum der Modernen Orthodoxie zugerechnet. 1992 wurde Sperber mit dem renommierten Israel-Preis geehrt. Er gehört der Kommission des israelischen Chefrabbinats für interreligiöse Fragen an. In dieser Eigenschaft traf er mit allen Päpsten seit Johannes Paul II. zusammen. Rabbi Sperber lebt in Jerusalem.

Rabbi Sperber, jüdische Extremisten haben kürzlich auf das Brotvermehrungskloster in Tabgha einen schweren Brandanschlag verübt. Davon geht die Polizei aus. Sind das isolierte Täter oder reflektieren sie einen breiteren Trend im Judentum Israels?

Beides ist richtig. Es ist Teil eines breiteren Phänomens. Es ist aber nicht so, als ob dahinter eine Organisation stünde. Insofern sind es Einzeltäterattacken. Es gibt im nationalreligiösen Judentum einige extrem rechte Strömungen. Sie repräsentieren sicher nicht das ganze Spektrum des religiösen Zionismus. Aber an den Rändern gibt es ein starkes anti-christlich eingestelltes Element. Diese Ideen sind Teil der Erziehung. Ich weiß aber nicht, wie explizit diese anti-christlichen Ideen geäußert werden oder ob sie eher mitschwingen. Besonders junge Leute aber, Teenager meist, möchten ihre in der Schule oder Familie gewonnenen Überzeugungen ausdrücken. Sie sehen das Christentum, vor allem den Katholizismus, als götzendienerische Religion.

Inwiefern?

Es hat für sie alle Anzeichen des Götzendienstes. Da ist die Lehre von der Dreifaltigkeit. Das klingt für diese jungen Leute, die ja keine Theologen sind, wie Vielgötterei. Dann ist die Idee der Menschwerdung Gottes und der Transsubstantiation in der Messe, sollten sie davon gehört haben, für sie völlig inakzeptabel. Hinzu kommen die Kreuze und Figuren in den Kirchen, die sie als Götzen ansehen. Aus ihrer Perspektive gibt es also im Heiligen Land Israel offenkundig Orte des Götzendienstes, die vernichtet werden müssen. Sie sind dabei übrigens mehr gegen das Christentum eingenommen als gegen den Islam. Von dem wissen sie, dass er einen reinen Monotheismus vertritt. Gegenüber dem Islam haben sie mehr politische als religiöse Vorbehalte. Mit dem Christentum ist das anders. Hier geht es um Theologie.

Aber wo ist der Schritt vom religiösen Dissens hin zur Gewalttat?

Wie gesagt, die jungen Leute sind keine Theologen. Wenn sie die biblischen Verse lesen, wonach die Götzen zerstört werden müssen, dann geraten sie emotional in Wallung und schauen sich nach dem nächsten verfügbaren Ort um. Der Unterschied zwischen dem Vorfall in Tabgha und anderen Übergriffen gegen christliche Einrichtungen im Rahmen der Preisschildbewegung (A.d.R. Eine von jüdischen Siedlern ausgehende Bewegung, die Gewalt gegen jene anwendet, die dem Siedlungsunternehmen im Weg stehen) war, dass dieser explizit religiös war. Das macht ihn umso gefährlicher.

Nun gibt es in der Bibel Stellen, die explizit zur Zerstörung der Götzen aufrufen oder als gottgefällig loben. Wie gehen Sie als der Heiligen Schrift verpflichteter Theologe damit um?

Es ist wahr, es gibt diese Stellen in der Bibel. Aber es gibt auch andere. Die würde ich dagegen anführen. Man soll beispielsweise sein Leben nicht in Gefahr bringen. Man darf auch nicht den Hass auf seine Gemeinschaft lenken. Es gibt also Gegengewichte dagegen. Sie müssen sehen, dass wir Juden nicht nach der Bibel leben. Wir leben nach einem wesentlich später entstandenen Kodex von Gesetzen. Dieser hat die biblischen Verse reinterpretiert. Wenn beispielsweise jemand seinem Nachbarn ein Auge nimmt, dann nehmen wir ihm ja nicht im Gegenzug seines. Damit will ich sagen, dass die gesamte Bibel durch den Talmud und die weitere rabbinische Auslegung permanent interpretiert wird.

Glauben Sie, dass man auch künftig mit anti-christlichen Übergriffen wird rechnen müssen?

Wenn es kein Gegengewicht gibt, warum sollte es dann aufhören? Ich sehe keine hinreichenden Bekundungen von Empörung seitens religiöser Autoritäten. Das ist eine sehr traurige Sache. Beispielsweise hat das Chefrabbinat keine Stellungnahme dagegen veröffentlicht. Ein Mitarbeiter meinte mir gegenüber, man sei zu beschäftigt gewesen. Das überzeugt mich nicht. Es ist eine Sache von zehn Minuten, eine Stellungnahme zu formulieren. Ich glaube zwar nicht, dass das Chefrabbinat über viel Einfluss auf die jungen Leute verfügt. Sein Ansehen hat sehr gelitten. Aber es müsste sich schon aus Prinzip äußern. Man hört insgesamt von rabbinischen Autoritäten keine lauten, unmissverständlichen Verurteilungen. Schon gar nicht von solchen Rabbinern, auf die die jungen Leute hören würden.

Einzelne Rabbiner in Israel haben sich dennoch zu Wort gemeldet. Einige haben sogar eine Initiative begonnen, Geld für den Wiederaufbau in Tabgha zu sammeln.

Ja. Das ist eine schöne Initiative. Auch ich beteilige mich daran. Aber das genügt nicht. Es müssten sich die den jungen Leuten nahestehenden Autoritäten unmissverständlich gegen solche Taten aussprechen. Es bräuchte eine Stellungnahme, dass der Anschlag von Tabgha gegen jüdisches Gesetz ist und das Ansehen Israels in der Welt beschädigt.

An wen denken Sie?

Es müssten sich Rabbiner aus dem national-religiösen Spektrum wie Rabbi Dov Lior zum Beispiel (A.d.R. früherer Rabbiner von Kirjat Arba bei Hebron) oder Rabbi Eliezer Melamed äußern. Das sind respektierte Autoritäten. Nur das hätte einen Einfluss auf sie.

Israels Minister für religiöse Angelegenheiten hat Tabgha nach der Tat aufgesucht und den Vorfall verurteilt. In die Kirche oder wenigstens zur Brandstelle im Eingangsbereich ist er aber nicht gegangen. Das fiel bei seinem Besuch unangenehm auf. Wie kann man das verstehen?

Es gibt Leute, die sagen, ein Jude dürfe keine Kirche betreten, schon gar keine katholische. Selbst wenn die Christen keine Götzendiener sein sollten, dürfen wir ihre Kirchen nicht betreten, meinen sie. Das ist wie mit den Speisevorschriften. Nicht-Juden seien zwar nicht an sie gebunden, wir Juden aber schon. Analog heißt das: Die Christen dürfen zwar eine Kirche betreten, wir aber nicht. Der Minister hat wahrscheinlich halachischen, religionsrechtlichen Rat eingeholt. Und wenn er das beim Chefrabbinat getan hat, dann wird man ihm vom Betreten der Kirche abgeraten haben. Ich sehe das nicht so, wie Sie sich denken können.

Diese Problematik hat derzeit ja auch politische Relevanz. Der auf dem Jerusalemer Zionsberg gelegene Abendmahlssaal liegt im selben Gebäudekomplex, in dem manche Juden das Grab Davids verehren. Israel und der Vatikan verhandeln derzeit wegen des Ortes. Viele Juden sagen, würde der Raum der katholischen Kirche zur Nutzung überlassen, würden sie nicht weiter am Grab beten können. Was sagen Sie als Rabbiner dazu?

Die Talmudschule auf dem Zionsberg ist in sich problematisch. Sie sind praktisch Hausbesetzer. Aber unabhängig davon halte ich ihre Argumente für schwach. Ich lebe in der Jerusalemer Altstadt direkt neben der syrisch-orthodoxen Markuskirche. Wir haben eine gemeinsame Mauer. Ich höre die Glocken. Aber ich hatte nie Probleme zu beten. Es gibt auch eine Reihe von Synagogen in der Gegend. Sie haben nie gesagt, dass die Markuskirche geschlossen werden muss, weil dadurch jüdisches Gebet verunmöglicht würde. Aus rabbinischer Sicht ist das kein Problem. Es geht hier um Politik. Es geht um die Kontrolle des Gebiets. Wir wissen ja auch, dass das Grab Davids nicht dort ist. Das ist eine relativ junge Behauptung. Aber Mythen haben bekanntlich ihre eigene Dynamik.

Aus Sicht des jüdischen Rechts gibt es also keine Einwände?

Als jüdischer Religionsrechtler findet man immer eine Lösung, wenn man will. Christliches Gebet ist ja nicht ansteckend. An den Flughäfen gibt es ja auch Bereiche, wo Juden, Christen und Muslime beten können. Ich habe nie Juden gesehen, die dort nicht gebetet hätten, weil ein christlicher Gebetsraum daneben lag.

Was müsste theologisch geschehen, um den anti-christlichen Radikalismus zu entkräften, der Taten wie in Tabgha zugrunde liegt?

Ein oberflächlicher Beobachter sieht im Christentum wie gesagt alle Anzeichen des Polytheismus und des Götzendienstes. Das sahen auch viele unserer klassischen Autoritäten so. Nehmen Sie die großen Gelehrten Ramban oder Maimonides. Der einzige Weg, das Christentum anders zu sehen, ist, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Die Gegenargumente zu hören. Einen Dialog mit Christen zu führen. Extremistische Rabbiner tun das aber nicht. Für sie ist die Sache klar. Da kann ihm ein Christ noch so oft erklären, dass er nicht das Kreuz anbetet, sondern es ihm nur als Symbol und Zeichen dient. Sie müssten aber auch sehen, dass es in unseren Quellen selbst seit dem 13. Jahrhundert gewichtige Stimmen gibt, die das Christentum nicht als Götzendienst ansehen.

Wäre es hilfreich, den katholischen Wandel zum Judentum besser bekannt zu machen, wie er sich in dem Konzilsdokument Nostra aetate ausdrückt? In diesem Jahr sind es fünfzig Jahre seit der Verabschiedung.

Ja, das war eine Wasserscheide. Zum Jubiläum gibt es einige Konferenzen. Und die Medienaufmerksamkeit wird sicher für mehr Bekanntheit sorgen. Aber Nostra aetate ist ein sehr komplexes theologisches Dokument. Außerdem will es Juden nicht einleuchten, warum sie überhaupt aus religiösen Gründen verfolgt wurden. Den Gottesmordvorwurf können sie nicht verstehen. Sie sehen nach zweitausend Jahren auch keine Verantwortung dafür. Selbst jüdische Quellen verurteilen ja die religiösen Autoritäten, die sich gegen Jesus gewandt haben, die Sadduzäer. Man sagt also: Schön, die Kirche hat sich gewandelt. Aber warum sollen wir dankbar dafür sein, dass man Juden vorher unsinnige Vorwürfe gemacht hat? Ich persönlich bin sehr dankbar dafür, weil es theologisch und theoretisch dafür gesorgt hat, dass man sich bei der Verfolgung oder dem Hass auf Juden nicht mehr auf den Glauben berufen kann. Hinzu kommt noch etwas anderes. In vielen europäischen Ländern gibt es einen wachsenden Anti-Semitismus. Der durchschnittliche Jude unterscheidet nicht zwischen den verschiedenen Spielarten des Anti-Semitismus, ob er nun politisch oder religiös motiviert ist. Viele fanden es daher irritierend, dass der Vatikan mit den Palästinensern ein Abkommen geschlossen hat, in dem vom Staat Palästina die Rede ist. Viele sagen, die Kirche hat zwar theologische, aber keine politischen Konsequenzen gezogen. Sie helfen uns immer noch nicht hinreichend und arbeiten gegen uns. Damit wird es schwierig, einem breiteren Publikum die Bedeutung von Nostra aetate zu erklären.

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