Katholische Hochkonjunktur

Ehrenamt, Religionsunterricht: Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt beim Diözesanempfang in Würzburg gut an. Von Oliver Maksan
Foto: KNA | Begrüßte Kanzlerin Angela Merkel in Würzburg: Bischof Friedhelm Hofmann.

Das Verhältnis von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Kirche und Katholiken hat durchaus seine Konjunkturen. Der Tiefpunkt war wahrscheinlich erreicht, als die protestantische Pfarrerstochter 2009 ihren deutschen Landsmann Papst Benedikt XVI. öffentlich tadelte, die Klarstellung im Falle des Holocaust-Leugners und Piusbruders Williamson sei aus ihrer Sicht noch nicht ausreichend erfolgt. Dass dies in Anwesenheit des kasachischen Machthabers Nasarbajew gesagt wurde, verstärkte die Verärgerung auf kirchlicher Seite – nicht nur im Vatikan. Und dass sich die Vorsitzende der CDU 2007 auf dem Parteitag in Hannover für die Stammzellforschung stark gemacht hatte, hatte sie wenigstens bei wertesensiblen Katholiken zuvor schon viele Sympathien gekostet.

Die Flüchtlingskrise aber hat alles verändert. Papst Franziskus und deutsche Bischöfe haben die umstrittene Flüchtlingspolitik der Kanzlerin immer wieder als Ausdruck christlicher Verantwortung gelobt. Am 1. Februar wird Angela Merkel in Stuttgart den Eugen-Bolz-Preis erhalten. Kardinal Reinhard Marx selbst, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, wird die Laudatio halten.

Es ist indes ein offenes Geheimnis, dass das ansonsten gute Verhältnis der bayerischen Bischöfe zur CSU gerade wegen der Flüchtlingspolitik der CDU-Schwester zuletzt arg gelitten hat. Dass die Kanzlerin zwar nicht beim CSU-Parteitag zugegen war, jetzt aber der Kirche in Bayern die Ehre gab, mochte sie deshalb einerseits als willkommene Wahlkampfveranstaltung im katholischen Milieu geschätzt, andererseits als kleine Spitze gegen die CSU genossen haben.

Insofern kann die Einladung der Kanzlerin zum Neujahrsempfang der Diözese Würzburg durchaus als Politikum betrachtet werden. Bischof Friedhelm Hofmann – im Mai das 75. Lebensjahr vollendender Würzburger Oberhirte – durfte sich über einen Coup freuen, als die Kanzlerin im November zusagte, zum Thema „Verbundenheit in offener Gesellschaft. Pluralität und Identität – Herausforderung und Chance“ zu sprechen. Ob es nun am Thema lag oder der Rednerin: Anders als in den Jahren zuvor fand die Veranstaltung nicht in der Universität statt, sondern im Würzburger Kongresszentrum. Der dortige Saal vermochte mit 2 000 Personen doppelt so viele Menschen zu fassen – und doch musste jeder zweite auf Einlass verzichten.

Die, die es in die Halle geschafft hatten, sprangen von den Sitzen, als die Bundeskanzlerin mit Bischof Hofmann am Montagabend den Saal betrat. Versammelt waren dort die Stützen der Gesellschaft – im besten Sinne des Wortes. Haupt- und Ehrenamtliche saßen Seit' an Seit', Politiker, Beamte, Geistliche, Engagierte in Kirche und Caritas. Immer wieder lobte Merkel den Einsatz auch von Katholiken in der Bewältigung der Flüchtlingskrise – „gerade hier in Bayern, für das, was sie geleistet haben“. „Auf dieses Netzwerk der Ehrenamtlichen können wir stolz sein“, so die Kanzlerin.

Eine gut gelaunte Merkel bewog das Publikum immer wieder zu Beifall. Dass sie sich indes an die versammelten Katholiken rangeworfen hätte, konnte man nicht sagen. Aber ein Zuckerl verteilte sie an das katholische Publikum dennoch. Als sie die wachsende Wichtigkeit des konfessionellen Religionsunterrichts erwähnte, bekam sie donnernden Applaus, noch ehe sie ihre Begründung geliefert hatte – „weil es hier um Gewissens- und Herzensbildung geht, weil es um den großen Zusammenhang unseres Lebens als Geschöpfe Gottes geht“.

Zu hören bekamen die Anwesenden insgesamt eine typische, rhetorisch etwas unbeholfene Merkel-Rede – eine Rede, die die Kanzlerin in diesem Wahljahr so oder mit ähnlichen Bausteinen noch zahllose Male halten wird. Sie bekräftigte ihre Linie in der Flüchtlingspolitik, die 2017 nach dem EU-Türkei-Abkommen und ähnlichen Maßnahmen wesentlich restriktiver ist als im Jahr 2015. Die große Zahl der Flüchtlinge habe die Verbundenheit in Deutschland vor große Herausforderungen gestellt. „Wir erwarten, dass diejenigen, die zu uns kommen, sich an die Rechtsordnung halten“, so die Kanzlerin mit Blick auf die Integration. Aber die Bereitschaft zur Verständigung müsse von beiden Seiten da sein. „Nur im Respekt zum Gegenüber kann unsere Ordnung eines friedlichen Zusammenlebens überhaupt gedeihen.“ Der Rechtsstaat wiederum stehe vor der schwierigen Aufgabe, denen Hilfe und Unterstützung zu gewähren, die sie brauchen, und zugleich jenen, die kein Aufenthaltsrecht bekommen, zu sagen, dass sie Deutschland wieder verlassen müssten. Das mochte nicht jedem im Raum gefallen habe. Denn aus dem Milieu der Verbände gab es immer wieder Kritik an verschärften Rückführungsmaßnahmen. Vor dem Kongresszentrum protestierten deshalb auch katholische Studenten der Hochschulgemeinde gegen die Abschiebungspolitik. Der rauschende Schlussapplaus für ihre Rede machte aber deutlich: Die Kanzlerin hatte in Würzburg eine Art Heimspiel (Mit Material von POW).

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann