New Haven/Connecticut

„Katholiken können wahlentscheidend sein“

Nach einem Skandal um den prominenten Prediger Jerry Falwell jr. brodelt es bei den US-Evangelikalen. Der amerikanische Religionssoziologe Philip Gorski erklärt, warum Evangelikale auf Trump setzen – und warum Katholiken im Hinblick auf die Wahl im November dennoch die interessantere Gruppe sind.

Donald Trump und Jerry Falwell jr.
Ausschau nach christlichen Wählern: Im Wahlkampf 2016 spielte Jerry Falwell jr. als Präsident der Liberty University, einer der wichtigsten evangelikalen Institutionen, eine einflussreiche Rolle. Dies wird nach Falwells Sexskandal, der nun bekannt geworden ist, anders sein. Foto: Dave Kaup (X01778)

Der evangelikale Prediger Jerry Falwell jr. gilt als einer der prominentesten konservativen christlichen Unterstützer von US-Präsident Trump. Am 25. August trat der 58-Jährige von seinem Amt als Vorsitzender der evangelikalen Liberty University zurück. Ihm wird vorgeworfen, die mehrjährige Beziehung seiner Frau zu einem jüngeren Mann nicht nur gebilligt, sondern ihnen auch beim Geschlechtsverkehr zugesehen zu haben. Seit Anfang August war er bereits beurlaubt, nachdem er in Sozialen Netzen ein Foto veröffentlicht hatte, auf dem er mit geöffneter Hose eine Frau umarmte, die nicht seine Ehefrau ist.

Der prominente evangelikale Prediger Jerry Falwell jr. stolpert über einen Sex-Skandal und tritt von der Führung der Liberty University ab. Überraschen Sie die Enthüllungen?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe so etwas schon seit langem kommen sehen, und zwar aufgrund der Aussagen Michael Cohens, des ehemaligen persönlichen Rechtsberaters von Donald Trump. Vor drei Jahren erklärte er vor Gericht, dass Falwell jr. einer seiner Klienten gewesen sei, und schon damals tauchten Gerüchte auf. Meines Erachtens war es nur eine Frage der Zeit, bis sie an die Öffentlichkeit dringen würden.

Von einem führenden Evangelikalen würde man ein solches Verhalten doch nicht erwarten?

"Viele der Evangelikalen im Umfeld
des Präsidenten sind vom Schlage Falwells"

Der Lebensweg Falwells ist ziemlich bezeichnend für die evangelikale Prominenz. Schon in den 70er und 80er Jahren zum Beispiel sorgten evangelikale Fernsehprediger mit Seitensprüngen für Schlagzeilen, oder indem sie Geld in die eigene Tasche wirtschafteten. Man muss allerdings unterscheiden: Bei den Evangelikalen gibt es einerseits diejenigen, die in ein ordentliches Amt gewählt worden sind, zum Beispiel Mitglieder der National Association of Evangelicals. Andererseits gibt es freie Unternehmer wie eben Jerry Falwell, die ein eigenes Imperium aufgebaut haben, mit einer Megakirche im Mittelpunkt. Falwell beschreibt sich ja selbst in erster Linie als Immobilienunternehmer – ähnlich wie Trump. Viele der Evangelikalen im Umfeld des Präsidenten sind vom Schlage Falwells.

Bringen solche Leute denn nicht die Evangelikalen insgesamt in Verruf?

Die Gefahr besteht. Die evangelikalen Amtsträger fühlen sich zunehmend an den Rand gedrängt von selbstständigen evangelikalen Unternehmern wie Falwell. Das äußern sie nicht laut, aber in führenden evangelikalen Kreisen macht sich durchaus schlechte Stimmung breit.

Insgesamt haben die Skandale eine abschreckende Wirkung innerhalb der Evangelikalen. Thomas von Aquin hat den Skandal im Sinne der Wirkung auf die Gläubigen definiert. Der Skandal besteht nicht in der Handlung des Einzelnen, sondern in den Auswirkungen auf die Kirchengemeinde. Die Säkularisierung vieler Evangelikaler hat viel mehr mit der endlosen Reihe von skandalösen Ereignissen zu tun, weniger mit einem zunehmenden Progressivismus oder Liberalismus. Das ist das Tragische.

Also quasi eine selbst verschuldete Säkularisierung?

"So wie es früher ein Allianz zwischen Thron und Altar
gegeben hat, gibt es jetzt eine Allianz zwischen
den Evangelikalen und der Republikanischen Partei"

Genau. Aber das ist den allerwenigsten klar. Ironischerweise wird immer wieder auf Europa gezeigt und vor der dortigen Säkularisierung und Entkirchlichung gewarnt. Aber die Geschichte wiederholt sich: So wie es früher ein Allianz zwischen Thron und Altar gegeben hat, gibt es jetzt eine Allianz zwischen den Evangelikalen und der Republikanischen Partei. Deren Ansichten werden zunehmend deckungsgleich. Gleichzeitig lehnen alle, die die Parteipolitik der Republikaner ablehnen, auch zunehmend die Religion als solche ab.

Nun war Falwell einer der frühesten Unterstützer Trumps. Wie wirkt sich der Fall auf Trumps aktuellen Wahlkampf aus?

Er wird sicher viele zum Nachdenken bringen. Immer weniger Evangelikale sind einverstanden mit dem persönlichen Verhalten Trumps. Gut möglich, dass einige ihn dieses Jahr nicht wählen oder am Wahltag einfach zuhause bleiben. Prognosen lassen sich aber schwer abgeben. Genauso gut kann es sein, dass ihn die Evangelikalen noch einmal mit 80 Prozent ins Amt wählen, wie schon 2016. Denn Trump kämpft mit apokalyptischen Tönen, ihm ist es gelungen, den Wahlkampf als den letzten Kampf zwischen Gut und Böse darzustellen. Wenn man so will, stellt er für viele Evangelikale das kleinere Übel dar, für manche sogar den großen Retter.

Schaut man dann auf die Positionen des Gegenkandidaten Joe Biden, beispielsweise in der Abtreibungsfrage, kommt Trumps Programm natürlich viel besser an.

So ist es. Für viele Evangelikale ist der Lebensschutz die einzige und entscheidende Frage. Warum sie Trump wählen, lässt sich eigentlich mit zwei Gründen zusammenfassen: Zum einen eben aufgrund seiner Abtreibungspolitik. Der zweite Grund liegt im nationalen Verständnis der USA, das seine Regierung propagiert. Sie stellt die USA als christliche Nation dar, die sowohl von innen wie außen angegriffen wird. Das hat demographische Gründe. Weiße Christen stellen nicht mehr die Mehrheit, und werden bald nur noch eine Minderheit sein. Sie fürchten den Verlust ihres privilegierten, den Ton angebenden Status.

In Europa spielen religiöse Belange in der Politik eine sehr viel geringere Rolle. Warum ist das in den USA anders?

Erstens sind die Amerikaner noch viel gläubiger als die Europäer. Zweitens ist die nationale Identität der USA von Anfang an mit der Religion im Allgemeinen und mit dem Protestantismus im Konkreten verbunden. Die puritanischen Gründerväter haben sich als Nachfolger der alten Israeliten verstanden, als ein neues, auserwähltes Volk. Dieses Selbstverständnis hat sich dann ins ganze Land ausgebreitet. Noch heute wirkt es fort im Exzeptionalismus der USA, in der Auffassung, zu etwas Besonderem prädestiniert zu sein, quasi das Werkzeug Gottes in der Weltpolitik. Das sind zwei große Unterschiede zu Europa.

Blicken wir einmal auf den Nominierungsparteitag der Republikaner: Dort trat auch der New Yorker Kardinal Timothy Dolan auf. Nun haben US-Katholiken kein derart enges Verhältnis zu Trump wie die Evangelikalen, doch auch unter ihnen gibt es Trump-Unterstützer. Wie wichtig sind die Katholiken für Trump?

"Ich würde sagen, die Katholiken
sind die interessanteste und womöglich
wahlentscheidende Gruppe in den USA"

Ich würde sagen, die Katholiken sind die interessanteste und womöglich wahlentscheidende Gruppe in den USA. Denn sie sind intern so divers und vielfältig. Von ihrem Hintergrund wie auch von der politischen Einstellungen her. Da herrscht eine wahnsinnige Bandbreite, die nicht mit den Evangelikalen vergleichbar ist. Zudem ist die katholische Kirche ja eine weltumfassende Gemeinschaft, im Gegensatz zu den Evangelikalen. Sie lassen sich also nicht so sehr für nationale Belange vereinnahmen. Wohingegen Protestantismus und Nationalismus bei den Evangelikalen oft Hand in Hand gehen.

Philip S. Gorski
Philip S. Gorski, Jahrgang 1963, lehrt als Professor für Soziologe an der Yale University in New Haven/Connecticut in de... Foto: cpyright philip Gorski, privat

Wie werden die Katholiken diesmal abstimmen? 2016 waren sie ja gespalten, knapp 50 Prozent stimmten für Trump.

Ich kann mir vorstellen, dass der Anteil der Katholiken, die ihre Stimmabgabe im Vergleich zu 2016 ändern, viel größer ist als bei den Evangelikalen.

Und zu wessen Gunsten?

Ich würde sagen, zugunsten von Joe Biden. Die US-Katholiken gelten stets als hin- und hergerissen: Zwischen Familien- und Sexuallehre einerseits und der Soziallehre andererseits. Die einen neigen zu den Republikanern, die anderen zu den Demokraten. Für viele ist aber derzeit die Rassismusfrage am drängendsten, darum könnten die Katholiken in Richtung der Demokraten kippen.

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