Katholiken haben die Qual der Wahl

Die Kandidaten für die amerikanische Präsidentschaft unterscheiden sich in Lebensschutzfragen erheblich – Keiner stellt jedoch die Todesstrafe in Frage

Die Kirchgänger fühlen sich ertappt. „Um ehrlich zu sein, ich hab mir noch keine großen Gedanken gemacht, wen ich im November wählen werde.“ Travis Walker klingt betreten. „Aber wenn ich so überlege, ich glaube es gibt keinen Kandidaten, den wir Katholiken wählen können.“

McCain und Romney sind gegen Abtreibung und Homo-„Ehe“

Die Messe an diesem Januar-Sonntag in der Pfarrei Sankt Lukas in der texanischen Metropole Dallas ist gut besucht. In die Runde gefragt hat keiner der Gläubigen prompt einen Namen parat. Texas wird erst am 4. März den Kandidaten für die amerikanische Präsidentschaft nominieren. Zeit, sich zu informieren. In einem aber waren sich die Kirchgänger schon jetzt einig: Er oder sie muss für den Lebensschutz sein. Allen war eine Anti-Abtreibungsposition wichtiger als ein griffiges Wirtschaftsprogramm. Damit positionieren sich die republikanischen Bewerber John McCain und W. Mitt Romney – sowie abgeschlagen der Baptistenprediger Mike Huckabee – in dieser nicht repräsentativen Gruppe besser als die Demokraten Hillary Clinton und Barack Obama.

„Am ehesten gefällt mir noch McCain“, sagt Pensionär Mike Fletcher nach der Messe. Der 72-jährige Senator von Arizona repräsentiert, was Katholiken wie Fletcher imponiert: Disziplin, Mut, Charakterstärke und Patriotismus. Der ehemalige Marineoffizier, der in Vietnam in Kriegsgefangenschaft war und dort den Trost des Gebets entdeckt hat, will sich als Führerfigur verkaufen. McCain, der nicht getauft, aber in der Episkopalkirche großgeworden ist und bei den Baptisten zum Gottesdienst geht, betet nach eigenem Bekunden täglich. Er will das liberale amerikanische Abtreibungsgesetz revidieren und nur bei Vergewaltigung, Inzest oder Gefahr für das Leben der Mutter Ausnahmen erlauben.

Mitt Romney liegt auf derselben Linie. Beide befürworten die Forschung an embryonalen Stammzellen, sofern sie nicht aus der Überschussproduktion für künstliche Befruchtung stammen. Beide verurteilen vehement die Homo-„Ehe“ und und wollen weiter Truppen im Irak sehen. Außerdem sind sie bereit, Initiativen religiöser Gruppen auch mit Staatsgeldern zu unterstützen, wenn diese sich sozial engagieren. Leichte Differenzen zwischen den beiden gibt es bei der Einwanderungsfrage: McCain ist für eine umfassende Reform, mehr Grenzpatroullien, einen Grenzzaun sowie Strafen für Arbeitgeber, die Illegale anstellen.

Gleichzeitig erkennt er aber auch an, dass die amerikanische Wirtschaft Gastarbeiter braucht. Immerhin leben bereits geschätzte zwölf Millionen Illegale im Land. Romney geht das nicht weit genug: Er votierte gegen einen Gesetzesvorschlag, der niedrigeres Schulgeld für Kinder von illegalen Einwanderern vorsah und stimmte dafür, dass auch Polizisten Illegale verhaften dürfen (was nur der Einwanderungsbehörde erlaubt ist). Der 60-jährige Unternehmer und Gouverneur von Massachussetts hatte allerdings vor Monaten noch wegen seiner Zugehörigkeit zu den Mormonen, deren Gründer in Polygamie lebte, Alarmzeichen ausgelöst. Inzwischen hat sich die Aufregung wieder gelegt.

Nicht nur die Kirchgänger von St. Lukas stehen vor einem Dilemma. Auch Insidern fällt es zunehmend schwer, das wahre Gesicht der Kandidaten hinter der multimedialen Maske der Stimmenjäger zu entdecken. Die zufällig angesprochenen Gläubigen waren durchweg erstaunt zu hören, dass aus dem Feld der Präsidentschaftsanwärter weder die demokratische Senatorin von New York noch ihr schwarzer Mitstreiter und auch keiner der republikanischen Hoffnungsträger sich gegen die Todesstrafe ausspricht. Den Widerspruch zwischen Schutz des ungeborenen Lebens und Verurteilung zur Todesspritze gestanden die befragten Katholiken ein. Dennoch: „Wenn ich mir vorstelle, einer würde meiner Tochter was Schlimmes antun, dem könnte ich nie vergeben“, bekennt Julie vom Kirchenchor St. Lukas. „Ich bin für die Todesstrafe.“

Pater Giovanni Bizzotto, der Scalabriner aus Italien, der an diesem Sonntag die Messe in St. Lukas zelebrierte, ereifert sich: „Das ist ja das Schlimme, dass in diesem Land keiner gewählt werden kann, wenn er für die Abschaffung der Todesstrafe oder einen sofortigen Abzug der Truppen aus dem Irak ist. Wir sind in Italien auf die Straßen gegangen, um gegen den Krieg zu demonstrieren. Und hier?“ Keiner der Bewerber kann als Friedenskandidat gelten, auch wenn Obama als einziger gegen den Irakkrieg gestimmt hat.

Hinter ihm stehen viele Schwarze mit dem Herzen. Doch weil er kein „schwarzer Messias“ sein will, sondern Politiker, der vielleicht der erste schwarze Präsident Amerikas werden könnte, wendet sich so mancher „Bruder“ ab. Dabei propagiert der 46-jährige Senator von Illinois eine Politik zugunsten der Armen, Steuererleichterungen für die Unterschicht und höhere Mindestlöhne.

Dennoch tendieren viele schwarze Wähler zu Hillary Clinton, weil sie glauben, die ehemalige First Lady sei dem Amt gewachsen. Sie gilt als Führernatur, die auch hart durchgreifen kann, eine Demokratin mit vielen konservativen Zügen. So erntete die 60-Jährige für ihren Gesundheitsreformplan während der Amtszeit ihres Mannes Applaus, doch wird sie jetzt von Liberalen kritisiert, weil sie – wie die Republikaner – Sozialhilfe mit einem Arbeitsprogramm verknüpfen will. Clinton wie Obama sind für die Abtreibung. Beide unterstützen die Stammzellforschung. Beide sind gegen die Homo-„Ehe“, befürworten aber gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften. Beide wollen eine sichere Grenze und Papiere für Illegale. Clinton kritisierte einmal sogar, Illegalen Hilfe zu versagen sei ein „krimineller Akt“, der den „guten Samariter und wahrscheinlich auch Jesus selbst“ kriminalisieren würde.

Obama macht keinen Hehl aus seinem christlichen Glauben

Obama, Angehöriger der Union Church of Christ, macht keinen Hehl aus seinem Glauben. Diese Verquickung von Glauben und Politik ist manchen ein Dorn im Auge. Doch haben alle Kandidaten ihre Rhetorik mit Bibelzitaten oder persönlichen Glaubenszeugnissen gewürzt, um die evangelikalen Wähler zu gewinnen. Selbst die kühle Hillary Clinton gestand, ihr habe das Gebet in schwierigen Stunden an der Seite ihres Mannes geholfen. Das Forschungsinstitut „Pew Forum on Religion & Public Life“ ermittelte, dass sie das Rennen bei Katholiken machen würde.

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