Kampfabstimmungen haben hier Tradition

CSU-Europaliste: Markus Ferber führt, Monika Hohlmeier triumphiert, Ingo Friedrich resigniert

Dass sich das mediale Interesse an der Nominierung der CSU-Europakandidaten so sehr auf Monika Hohlmeier konzentrierte, ist wohl nur damit zu erklären, dass Parteichef Horst Seehofer sich vor und hinter den Kulissen so stark für die Strauß-Tochter ins Zeug legte, ja ins Zeug legen musste, um ihre Nominierung durchzubringen. Sachlich betrachtet gab es am Samstag Spannenderes: 272 von 282 Delegierten stimmten für Markus Ferber als Spitzenkandidat und bewiesen damit nicht nur, dass in der CSU konsequente Arbeit allemal mehr zählt als Glamour, sondern auch, dass Seehofer gut daran tat, im Vorfeld alle Planspiele fallen zu lassen, Hohlmeier gegen Ferber ins Rennen um Platz eins zu schicken. Der 44-jährige Schwabe hat seit 1994 im Europäischen Parlament mehrere stammestypische Eigenschaften zu seinem und seiner Partei Vorteil eingesetzt: Der bienenfleißige, gut vernetzte Elektrotechniker und Entwicklungsingenieur Ferber brachte es zum Haushaltsexperten und zum Vorsitzenden der CSU-Europagruppe, zwei Ämter, mit denen Müßiggang unvereinbar ist.

Zur Logik des mit 785 Abgeordneten viel zu großen Europäischen Parlaments gehört nämlich, dass hier nur eine Rolle spielen kann, wer sich hart arbeitend, nationenübergreifend verhandelnd und fraktionsübergreifend denkend mit Ausdauer einem Sachgebiet widmet. Zahlreiche Berühmtheiten, vom deutschen Altbundeskanzler Willy Brandt bis zum Südtiroler Bergstar Reinhold Messner, sind daran hier gescheitert. Umgekehrt wuchsen in ihrer Heimat minder prominente Politiker in Brüssel und Straßburg zu Schlüsselfiguren der Europapolitik heran: Ingo Friedrich etwa, der bei der ersten Direktwahl 1979 im Alter von 37 Jahren ins Europäische Parlament einzog, wo er seinen Wirkungskreis stetig erweiterte. Mehr als sieben Jahre war der Diplom-Volkswirt und promovierte Politikwissenschaftler Vizepräsident des Europäischen Parlaments, gilt als einer, der jede Türe und Hintertüre dieses Hauses kennt. Leidenschaft kann „der Ingo“ (wie ihn in Brüssel selbst jene nennen, die mit ihm „per Sie“ sind) entwickeln, wenn es um die Interessen des Mittelstandes oder um Europas christliches Erbe geht. So kämpfte der evangelische Christ zäh und eifrig für einen Gottes-Bezug in der EU-Grundrechtecharta wie in der Europäischen Verfassung.

Am Samstag erlebte Ingo Friedrich in München ein jähes Ende seiner politischen Laufbahn, die stets auf der europäischen Bühne stattfand und ohne bundes- oder landespolitische Ambitionen war. Bei der CSU-Delegiertenversammlung in München trat der Oberpfälzer Landwirtschaftsmeister Albert Deß auf Platz fünf gegen den Mittelfranken Friedrich an und besiegte ihn mit 184 gegen 102 Delegiertenstimmen. Die Parteispitze hatte ihren einzigen Agrarpolitiker im Europaparlament auf den unsicheren Platz acht reihen wollen, doch die Delegierten erinnerten sich des ungeschriebenen Dogmas, dass unter den CSU-Europaabgeordneten immer ein Vertreter des Bauernstandes zu sein hat. Indem Ingo Friedrich nach dieser Abstimmungsniederlage blitzartig erklärte, nicht auf weiteren Plätzen anzutreten, bestimmte er ein letztes Mal selbst das Geschehen: Hohlmeier konnte sich auf Platz sechs gegen Gabriele Stauner durchsetzen und Seehofer konnte sein Gesicht wahren. Der Münchner Kandidat Bernd Posselt, Präsident der Paneuropa-Union Deutschland und Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, nahm konkurrenzlos den schwierigen Platz sieben. Und der junge Nürnberger Martin Kastler – Lesern dieser Zeitung auch als Autor bekannt – konnte auf Platz acht triumphieren, weil die durch Friedrichs Niederlage vaterlos gewordenen Mittelfranken in seiner Nominierung die letzte Chance sahen, doch noch in Brüssel und Straßburg vertreten zu sein. Kein Wunder, dass Ingo Friedrich am Samstag viel Applaus und Lob erhielt.

Kampfkandidaturen um die sicheren Plätze auf der Europaliste haben in der CSU übrigens Tradition: Vor der ersten Direktwahl 1979 waren Alt-Ministerpräsident Alfons Goppel als Spitzenkandidat und die Unterfränkin Ursula Schleicher auf Platz zwei sicher, doch um den dritten Platz entbrannte eine wilde Schlacht. Der damalige CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber und die Junge Union schickten Reinhold Bocklet ins Rennen gegen Otto von Habsburg. 120 der 169 Delegierten stimmten letztlich für Habsburg, der im Europäischen Parlament für 20 Jahre ein gewichtiger Wortführer in außenpolitischen Themen wurde. Bocklet, später Minister in Stoibers Kabinett, landete 1979 auf Platz acht der Liste.

Der regionale Proporz, der bei der Nominierung der CSU-Europakandidaten eine Rolle spielt, ist im Europäischen Parlament völlig unerheblich. Hier geht es darum, die unterschiedlichen Fachbereiche mit kompetenten Abgeordneten zu besetzen: Mit einem Außenpolitiker vom Format Otto von Habsburgs, mit Haushaltsexperten wie Heinrich Aigner und Markus Ferber, mit einer Umweltexpertin Ursula Schleicher, einem Wirtschaftsfachmann Ingo Friedrich und seit 1979 stets mit einem Landwirtschaftsexperten gelang dies der CSU in drei Jahrzehnten recht gut. Durchaus möglich, dass es nicht nur in Bayern bedauert werden würde, sollte die CSU im Juni den Einzug ins Europäische Parlament verfehlen.

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