Kampf ums Überleben

Die Christen Indiens sehen sich einer neuen Welle der Verfolgung ausgesetzt. Während die Gewalt zunimmt, gibt es doch auch Zeichen der Hoffnung. Von Andreas Thonhauser
Die Christen Indiens sehen sich einer neuen Welle der Verfolgung ausgesetzt
Foto: unbekannt | Thema der Woche: Kampf ums Überleben

Er sprach kaum. Seine neugierigen Blicke schweiften wild umher, während er still im Schoß seiner Mutter saß. Er wirkte müde. Ruben und seine Eltern waren bereits zeitig in der Früh aufgebrochen, um rechtzeitig zu diesem Interviewtermin zu kommen. Mehrere Stunden Gehweg und Busfahrt hatten sie auf sich genommen. Besonders für den Sechsjährigen war es eine anstrengende Reise gewesen. Er hatte seine Eltern an der Hand zur Busstation geführt, die Tickets bezahlt, ihnen die Plätze zugewiesen und sie an das Aussteigen erinnert. Dann mussten sie noch durch die brennende Hitze Madhya Pradeshs marschieren, einem Bundesstaat im Herzen Indiens.

Rubens Eltern sind blind. Sein Vater ist Pastor einer kleinen Freikirche in einem Dorf in der Steppe Madhya Pradeshs. Rund vierzig Gläubige zählt die Gemeinde. Ruben und seine Mutter unterstützen ihn so gut sie können. Doch das Land ist karg und das Einkommen der Familie äußerst bescheiden. Das Leben der Familie ist hart und die drei sind daran gewöhnt, Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Doch nichts konnte sie auf das vorbereiten, was ihnen vor einigen Monaten widerfuhr.

Der Pastor und einige Gläubige hatten sich in der Kapelle zum Gebet versammelt. Plötzlich stürmte eine Gruppe junger Männer in das Gotteshaus. Sie begannen die Anwesenden zu beschimpfen, zu stoßen und zu schlagen, sie warfen Tische und Stühle um und beschädigten die Kirche. Dann zerrten sie Rubens Vater zur nächsten Polizeistation und beschuldigten ihn, Menschen unter Zwang zum Christentum zu bekehren. Die Polizei sperrte den Pastor umgehend ein. Aber nicht nur ihn. Auch seine Familie wurde geholt und in Gewahrsam genommen.

Rubens Mutter erinnerte sich zitternd an die brutale Behandlung im Gefängnis. Ihren Ehemann sperrte man in einen anderen Trakt weg. Dann riss man Ruben und ihr die Kleider vom Leib, erniedrigte und schlug sie. Drei Tage und drei Nächte musste die Familie ausharren, bis sie endlich auf Kaution freigelassen wurden.

Rubens Mutter hegt keinen Groll gegen die Aggressoren. Sie wollte ihre Geschichte vor allem deshalb erzählen, damit die Welt erfährt, welche großartigen Dinge Gott in ihrem Leben bewirkt hat. Dass sie auch manchmal für ihren Glauben leiden müsse, gehöre einfach dazu: „Gott hat uns eine wunderbare Familie geschenkt. Für eine blinde Frau wie mich ist es ein kleines Wunder, verheiratet sein zu dürfen und ein Kind zu haben. Für meinen Ruben wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass er auch einmal ein Missionar wird und Gottes Liebe in diesem Land verkündet.“

Leider ist die Geschichte von Rubens Familie kein Einzelfall. Pater Michael John, Generalvikar der Diözese Indore, sieht darin einen Trend, der bereits seit einigen Jahren zu beobachten ist und sich nun zuspitzt. „Die religiösen Minderheiten kämpfen ums Überleben“, sagt er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Angst vor Konsequenzen hätte er nicht. Nicht mehr. Schon viel früher hätte er beginnen sollen, die Probleme klar anzusprechen. Das habe aber die indische Kirche generell versäumt.

Indore ist die Hauptstadt Madhya Pradeshs, dem ersten indischen Bundesstaat, der bereits 1961 ein sogenanntes „Gesetz für die Freiheit der Religion“ einführte. Mit Freiheit hat es allerdings nur wenig zu tun. Es soll einen Übertritt vom Hinduismus zu anderen Religionen verhindern. Erst im April dieses Jahres führte das neunte Bundesland Indiens ein ähnliches Anti-Konversionsgesetz ein. In manchen Regionen müssen nun sowohl der Konvertit als auch der Priester selbst offiziell bei der Landesregierung um Erlaubnis fragen, ob eine Taufe durchgeführt werden darf.

„Das muss man sich mal vorstellen! Ich muss nun als Priester die Regierung bitten, jemanden in die Kirche aufnehmen zu dürfen“, sagt Pater Michael und greift sich dabei an die Stirn. Aber das sei noch gar nicht das Schlimmste, so der Generalvikar. Kaum jemand wagt mehr, überhaupt eine Anfrage zu stellen. Sobald man amtsbekannt ist, muss man damit rechnen, wegen Zwangskonvertierung von der Polizei einvernommen zu werden.

Namen von Konvertiten und Priestern werden auch an Unruhestifter und Schlägertrupps weitergegeben. Immer wieder kommt es zu Übergriffen gegen jene, die sich vom Hinduismus abwenden. So wurden vor Weihnachten 23 Priesterseminaristen verhaftet, weil man ihnen Zwangsmissionierung vorwarf. Dabei folgten sie lediglich einer jahrzehntealten Tradition, zogen von Haus zu Haus, sangen Weihnachtslieder und wünschten gesegnete Festtage. Die Polizei nahm sie in Gewahrsam. Ältere Priester aus dem Seminar kamen ihnen zu Hilfe. Während sie jedoch mit den Polizisten verhandelten, steckte eine aufgebrachte Menge vor der Polizeistation das Auto der Priester in Brand. Niemand wurde dafür zur Rechenschaft gezogen. Stattdessen wurde einer der älteren Priester wegen verbotener Missionierung angezeigt und blieb trotz haltloser Anschuldigungen tagelang inhaftiert.

Warum nimmt aber die Gewalt gegen Christen stetig zu? Ein wichtiger Grund ist die Erstarkung der sogenannten Hindutva-Ideologie. Ihre Anhänger kämpfen für ein rein hinduistisches Indien, frei von anderen Religionen und Völkern. Seit 2014 regieren Premierminister Nerendra Modi und die Barathiya Janata Partei (BJP) Indien. Die Partei gilt als politischer Arm der Hindutva-Bewegung. Da verwundert es wenig, dass prominente Politiker offen fordern, die Rechte religiöser Minderheiten zugunsten der Mehrheit zu beschneiden.

Mit den bevorstehenden Wahlen im nächsten Jahr spitzen sich Rhetorik und Gewalt im Land zu. Während Muslime gemeinhin als „Terroristen“ abgestempelt werden, unterstellt man Christen, eine noch größere Gefahr zu sein – vor allem, weil sie unverfroren versuchten, Hindus zum christlichen Glauben zu bekehren. Laut dem Nationalen Büro für Verbrechensdokumentation (NCRB) verzeichnete man im Jahr 2016 offiziell 475 Fälle, in denen Gewalt gegen religiöse Minderheiten gefordert und beworben wurde. Das bedeutet eine Steigerung von 41 Prozent gegenüber 2014. Das amerikanische PEW Research Center ordnete in seinem 2015 erschienenen Report über religiöse Verfolgung Indien jenen Ländern zu, die Religionsfreiheit am stärksten beschneiden.

Die wachsende Angst unter Christen und anderen religiösen Minderheiten kann auch Tehmina Arora bestätigen. Sie leitet die christliche Menschenrechtsorganisation „ADF India“ und betreut Gerichtsfälle verfolgter Christen. Gemeinsam mit ihrem Team vertritt sie auch Rubens Familie und hatte im Falle der Seminaristen interveniert. „Niemand darf aufgrund seines Glaubens verfolgt werden“, so die Anwältin: „Die indische Verfassung garantiert allen Bürgern das Recht auf freie Religionsausübung. Leider ist dieses Recht keine Selbstverständlichkeit mehr. Heute müssen wir dafür kämpfen.“

Auf Basis der Anti-Konversionsgesetze wurde etwa die Anklage gegen Rubens Vater konstruiert. Er hätte illegale Gebetstreffen abgehalten. Frau Arora kann zu solchen Vorwürfen nur den Kopf schütteln. Jeder hätte in Indien das Recht, wo, wann und mit wem auch immer zu beten. Ungeachtet der Religionszugehörigkeit.

In den vergangenen Jahren musste sie sich oft auf die entsprechende Stelle in der indischen Verfassung berufen. Durchaus erfolgreich. Trotz steigendem Druck gegen Christen in Indien sei noch nicht alles verloren. So konnten Anwältin Arora und ihr Team auch juristische Erfolge feiern: Vor zehn Jahren brannten in Kandhamal im Bundesstaat Orissa christliche Dörfer und Kirchen. Die anti-christlichen Aufstände forderten viele Todesopfer und markierten den Beginn der indischen Christenverfolgung.

Es dauerte zwar zehn Jahre, aber nun erfolgten erste Reparationszahlungen an die christlichen Familien, die damals Angehörige oder ihr Zuhause verloren hatten. „Mehr als um das Geld geht es um das offizielle Eingeständnis, dass hier etwas Schreckliches geschehen ist, etwas, das wir künftig verhindern müssen“, so Arora.

Im Falle von Rubens Familie scheint es jedenfalls gelungen zu sein, Schlimmeres zu verhindern. Im Juni wurden alle Anklagepunkte gegen Rubens Vater fallen gelassen. Für Arora ein Beweis dafür, dass für Indiens Christen noch Hoffnung besteht, auch in Zukunft als Minderheit in Indien friedlich leben zu dürfen.

Der Autor leitet die Kommunikationsabteilung der Menschenrechtsorganisation ADF International mit Sitz in Wien. www.adfinternational.org

Weitere Artikel
Indischer Premierminister Narendra Modi
Neu Delhi
Modi missbraucht Gesetze Premium Inhalt
In Indien sind religiöse Minderheiten in Gefahr. Ein drastisches Beispiel ist der Fall des Anfang Juli verstorbenen Jesuitenpaters Stan Swamy. Ein Gastkommentar.
02.08.2021, 09  Uhr
Sofia Hörder
Roswitha Fischer
Essen
Roswitha Fischer: Eine starke Frau Premium Inhalt
Die plötzlich verstorbene Bundesvorsitzende des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen Roswitha Fischer verkörperte weibliche Klugheit in Zeiten schier unerschöpflicher pädagogischer ...
05.08.2021, 11  Uhr
Regina Einig
Themen & Autoren
Christen Eltern Geistliche und Priester Gewalt Hinduismus Menschenrechtsorganisationen Minderheiten Mütter Pfarrer und Pastoren Polizei Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte

Kirche