Washington

Kamala Harris ist noch nicht am Ziel

Mit Kamala Harris werden die USA die erste Vizepräsidentin in ihrer Geschichte haben. Und sie könnte bald noch höher streben. Konservative sollten sich in Acht nehmen.

Die künftige Vizepräsidentin Kamala Harris
Kamala Harris könnte in den nächsten vier Jahren zu einer der führenden Figuren innerhalb der demokratischen Partei aufsteigen. Foto: Andrew Harnik (AP)

Wenn Kamala Harris am 20. Januar als Vizepräsidentin vereidigt wird, wird sie gleich in mehreren Kategorien „die Erste“ sein. Insbesondere aber die erste Frau, die die Vizepräsidentschaft übernimmt. Und die erste Schwarze. Nicht erst seit ihrer Rede nach dem Wahlsieg der US-Demokraten am vergangenen Samstag richten sich viele Augen auf die ehemalige kalifornische Senatorin. Darin porträtierte sich Harris als Verkörperung des Amerikanischen Traums und salutierte den Vorkämpferinnen für das Frauenwahlrecht sowie allen schwarzen Frauen im Land.

Keine klassische Aufstiegsgeschichte

Wobei es um ihre Hautfarbe in der schwarzen Community auch Diskussionen gibt. Manche stellten in Frage, ob Harris wirklich für sich reklamieren könne, die erste schwarze Vizepräsidentin zu sein, hat sie doch auch südasiatische Wurzeln. Ihre Mutter Shyamala wanderte mit 19 Jahren aus Indien in die USA ein, um an der renommierten Universität Berkely in Kalifornien zu studieren. Der Vater kommt aus Jamaika, studierte Wirtschaftswissenschaften und brachte es bis zum Professor an der Universität Stanford.

Trotz ihrer Herkunft zählte sie also eher zur privilegierteren Gesellschaftsschicht, auch wenn sie im Alltag aufgrund ihrer Hautfarbe Erfahrungen rassistischer Anfeindungen machte. Dennoch ist Harris auf dem besten Weg, zum Vorbild für viele schwarze Frauen und Angehörige anderer Minderheiten zu werden, ähnlich wie es der ehemaligen First Lady Michelle Obama in den letzten Jahren gelang.

Nicht erst seit Samstag steht fest: Kamala Harris könnte sich in Stellung bringen, schon bald selbst das Präsidentenamt zu übernehmen. Schließlich wird Joe Biden mit bald 78 Jahren der älteste Präsident aller Zeiten sein. Eine zweite Amtszeit gilt quasi als ausgeschlossen. Die Demokraten sehen in Harris für die Zukunft zurecht ein gehöriges Potenzial. Denn sie kann viele Bevölkerungs- und Interessengruppen ansprechen. Minderheiten, Frauen, aber auch Anhänger einer konsequenteren staatlichen Strafverfolgung. Während in „Black Lives Matter“-Gruppen die Forderung die Runde machte, der Polizei die Mittel zu kürzen, fiel Harris während ihrer Zeit als Justizministerin des Bundesstaates Kaliforniens eher als Anhängerin von „Law and order“ auf, rühmte sich mit der Zahl Krimineller, die sie hinter Gitter gebracht habe. Nicht jeder sieht ihre Bilanz positiv. Kritiker werfen ihr vor, mutmaßliche Täter auch wegen Bagatelldelikten verurteilt und so zur Stigmatisierung von Schwarzen beigetragen zu haben.

Den Druck noch verstärken

Harris hat sich in den vergangenen Monaten aber als talentierte Politikerin bewiesen. Im demokratischen Vorwahlkampf scheiterte sie zwar klar, schaffte es aber immer wieder, ihren jetzigen Partner Biden in die Enge zu treiben. Wo Joe Biden eher dazu neigt, auf sein Gegenüber zuzugehen, ist es Harris' Taktik, den Druck noch zu verstärken. Und so gibt es nicht wenige die behaupten, im Tandem Biden/Harris hätte die 56-Jährige eigentlich die Hosen an.

Zu ihren persönlichen religiösen Überzeugungen ist nur wenig bekannt, außer dass sie in einem ethnisch und religiös vielfältigen Umfeld auf. Zeitweise besuchte sie mit ihrer Familie auch einen Hindu-Tempel; seit einiger Zeit ist sie Mitglied einer schwarzen Baptisten-Gemeinde. Ihr Ehemann Douglas Emhoff, mit dem sie seit 2014 verheiratet ist, ist Jude. Leibliche Kinder hat Harris nicht, ihr Mann brachte aber einen Sohn und eine Tochter mit in die Ehe.

Für Konservative stellt Kamala Harris durchaus eine Gefahr dar. Denn einerseits ist sie eine schillernde Persönlichkeit, verfügt über rhetorisches und politisches Talent und kann dank Herkunft und Alter in einer immer größer werdenden Gruppe von Schwarzen, insbesondere Frauen, punkten. Andererseits wäre da nach ihre Haltung zum Thema Abtreibung. Diese betrachten Lebensschützer mit Schrecken. Wie wichtig ihr „reproduktive Rechte“ für Frauen sind, unterstrich sie zuletzt im TV-Duell der „running mates“ mit dem aktuellen Vizepräsidenten Mike Pence. Sie wolle immer für das Recht der Frau kämpfen, eine Entscheidung über ihren eigenen Körper zu treffen. Es wird angenommen, dass sie auch straffreie Abtreibungen über das erste Trimester einer Schwangerschaft hinaus unterstützen würde.

Auch Joe Biden positionierte sich klar „pro-choice“. Aber Biden ist seit 50 Jahren in Washington, ist berechenbarer. Kamala Harris, so scheint es, steht erst am Anfang ihrer Laufbahn. Wie konsequent sie eine progressive Agenda voranzutreiben versucht, dürfte sich in den nächsten Monaten, vermutlich Jahren, erst noch zeigen. Kamala Harris ist ein Talent, das sich noch gar nicht richtig aus der Deckung gewagt hat. Und deshalb für Konservative so gefährlich.

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