Augsburg/Münster

„Kain, wo ist Dein Bruder Abel?“

Was davon zu halten ist, wenn hochrangige EKD-Funktionäre aus Bastionen tätiger Nächstenliebe Tempel des Todes machen wollen. Ein Kommentar.
Assistierter Suizid
Foto: Bernd Thissen (dpa) | Wer sich als Christ gerufen fühlt, selbst einem Kabelbrand im Führerhaus noch etwas Gutes abzugewinnen, könnte im Vorstoß der EKD-Funktionäre so etwas wie den Versuch erblicken, gewissenlosen Suizidhelfern, eine ...

Es hat etwas Gespenstisches, wenn nicht gar Mephistophelisches. Da fordern in Gestalt des Vorsitzenden der Evangelischen Kammer für öffentliche Verantwortung, Reiner Anselm, und des Präsidenten der evangelischen Diakonie, Ulrich Lilie, zwei ranghohe Amtsträger der EKD via F.A.Z., kirchliche Einrichtungen sollten sich dem assistierten Suizid nicht nur nicht länger verweigern, sondern auch „abgesicherte Möglichkeiten“ eines solchen „in den eigenen Häusern“ anbieten oder zumindest „zulassen und begleiten“. Dass der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, den Vorstoß bereits nach Erscheinen der Vorabmeldung entschieden zurückwies und auch die EKD sich inzwischen bemühte, das zerbrochene Porzellan einzusammeln, gehört positiv notiert, bringt den Ungeist aber nicht in die Flasche zurück. Wie auch?

Unsere Taten bestimmen, wer wir sind

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Vertreter der „right-to-die-societies“, wie der „Gesellschaft für Humanes Sterben“ oder des Vereins „Sterbehilfe“ des ehemaligen Hamburger Justizsenators Roger Kusch, dürften indes vor Lachen nicht in den Schlaf gekommen sein. Wozu noch fordern, dass Alten- und Pflegeheime jedweden Trägers nach dem fatalen Urteil des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020 ihren Todesschwadronen den roten Teppich auszurollen hätten, wenn Kirchenfunktionäre Bastionen tätiger Nächstenliebe eigenhändig in Tempel des Todes verwandeln wollen?

Wer sich als Christ gerufen fühlt, selbst einem Kabelbrand im Führerhaus noch etwas Gutes abzugewinnen, könnte im Vorstoß der EKD-Funktionäre so etwas wie den Versuch erblicken, gewissenlosen Suizidhelfern eine gewissenhaftere Konkurrenz entgegenzustellen. Nur, so einfach ist es leider nicht. Nicht nur, weil die Autoren des F.A.Z.-Beitrags in diesem auch die ökonomische Seite ansprechen und „mittelfristig“ die Einsparung von „Kosten für teure und eher der Hilflosigkeit denn der Nutzenserwartung geschuldete Therapieformen beispielsweise in der Onkologie“ in Aussicht stellen, sondern auch, weil es unsere Taten sind, die uns zu denjenigen machen, die wir sind. Angestellten die Assistenz von Suiziden aufzubürden, bedeutet in Wahrheit, von ihnen zu erwarten, dass sie Ungeheuer aus sich machen. Denn es ist eines, ob ein Suizident an seiner Existenz verzweifelt und in seiner leib-seelischen Not diese als nicht mehr lebenswert betrachtet. Etwas ganz anderes ist es, von jemandem, der dem enthoben und gerufen ist, Leiden zu lindern, zu verlangen, sich diesem Urteil anzuschließen.

Nur Gott ist Herr über Leben und Tod

Möglich ist das nur aus zwei Gründen: Aus Gleichgültigkeit oder durch das Fällen eines Urteils, das im Ergebnis lautet: Du sollst nicht sein! Eine solche Ungeheuerlichkeit aber steht niemandem zu. Nicht erst, weil nur Gott Herr über Leben und Tod und offenbar anderer Meinung ist, sondern schon deshalb, weil ein solches Urteil den Mitmenschen in unerträglicher Weise herabwürdigt. Zugegeben: Der Glaube, dass sich jeder Mensch einmal vor seinem Schöpfer für seine Taten und Unterlassungen verantworten wird müssen, ist aus der Mode gekommen. Nur, deswegen muss er nicht falsch sein.

Trifft er zu, wird Gott wohl nicht nur den Suizidhelfer, wie weiland Kain, nach seinem Bruder fragen. Sondern auch all jene, die ihm den Weg geebnet haben. Was wollen Verfassungsrichter, Politiker und EKD-Funktionäre dann antworten? Etwa: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“

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Stefan Rehder

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