Jugendliche durch ein christliches Menschenbild fördern

Ellen Müldner, Erziehungsleiterin im Antonia-Werr-Zentrum der Oberzeller Franziskanerinnen zur Debatte um Jugendkriminalität

Politiker diskutieren zurzeit über Jugendcamps, als müsste die Betreuung erziehungsschwieriger Jugendlicher erst noch erfunden werden. Was wird schon angeboten?

Wer im Rahmen der Jugendhilfe untergebracht wird, bekommt auch individuelle Hilfe. Das heißt, die Jugendlichen leben in einer Einrichtung in den Wohngruppen mit Erziehern, die im Schichtdienst arbeiten, zusammen. Da wird das Wichtigste schon eingeübt. Aber das ist natürlich nur der Fall bei den Jugendlichen, die uns bekannt sind. Dann gibt es noch verschiedene Projekte in den Gemeinden oder den Stadtteilzentren, wohin die Jugendlichen kommen. Das sind zwar auch betreute Formen, aber da muss dann festgestellt werden, wo es Problemfamilien gibt und wo man eingreifen müsste.

Mit welchen Problemen kommen die Jugendlichen zu Ihnen?

Die Probleme sind sehr vielfältig. Sie haben oft sehr schwierige Biografien. Es sind Jugendliche, die insgesamt traumatisiert sind, weil sie entweder aus Alkoholikerfamilien kommen, aus Familien, in denen sie von einem Familienmitglied sexuell missbraucht worden sind, psychische Gewalt erfahren haben oder die psychisch krank sind.

Was unternehmen Sie gemeinsam und worauf kommt es bei der Stärkung der Persönlichkeit an?

Grundlage der heilpädagogischen Arbeit ist ein ganzheitliches christliches Menschenbild, also die Wahrnehmung der Gesamtpersönlichkeit der Jugendlichen. Hierzu gehört die Wertschätzung, Bestätigung, Wärme und Annahme einerseits und Klarheit, Verlässlichkeit und Struktur im Umgang mit den Jugendlichen andererseits. Spürbar wichtig sind auch Feste und Feiern: Die Jugendlichen erleben zum Beispiel zum ersten Mal Weihnachten oder die Würdigung ihres Geburtstages. Notwendig sind auch verschiedene Spiel- und Sportangebote, wobei die Gemeinschaft der Gruppe erfahren wird. Jeder kann sich hier selber erleben, seine Grenzen und Fähigkeiten und die eigene Entwicklung spüren. Die Jugendlichen brauchen Selbstbewusstsein, indem sie von sich sagen können: Ich kann das schaffen, oder: Ich habe das geschafft. Sie sind verantwortlich für Aufgaben: Etwa beim Zelten für das Kochen oder Einkaufen. Sie erleben also, dass ihnen Vertrauen entgegengebracht wird. Dann gibt es noch die Angebote der Klettertage, wo jeder an seine Grenzen geführt wird und die Angst überwinden kann. Wichtig ist hier die Erfahrung, sicher und gesichert zu sein und dadurch innerlich wachsen zu können. Die Beziehungssicherheit, die sie immer wieder auffängt, muss kontinuierlich im täglichen Umgang spürbar werden. Auch lebenspraktische Fähigkeiten werden durch das Zusammenleben täglich eingeübt.

Wäre diese Hilfe auch für die Münchner U-Bahn-Schläger sinnvoll gewesen, wenn es früh genug geschehen wäre?

Darüber lässt sich nur spekulieren, aber wenn den Tätern früher Grenzen gesetzt worden wären und sie präventiv Unterstützung bekommen hätten, wäre es vielleicht nicht geschehen.

Was halten Sie von den geschlossenen Erzie- hungscamps, die Politiker jetzt fordern?

Ich finde es gefährlich, die Jugendlichen wegzusperren. Es wäre wichtiger, Jugendliche in ihrer Individualität zu erkennen und sie in ihrem Umfeld zu fördern.

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